Zitate 5-8

Tintenstift auf einem handschriftlichen Brief

ZITAT 5

Lesen ist Augenöffnung durch Schließen der Augen; es ist ein mystisches Erlebnis. Bei der Wahl der Bücher, die man zu lesen gedenkt, sollte man aber nie außer acht lassen, daß deren Lektüre wertvoller sein muß, als die Lektüre aller übrigen Bücher wäre, die man jetzt nach getroffener Entscheidung ja nicht mehr lesen kann, weil der Entschluß für die einen den Verzicht auf die anderen nach sich zieht. (Dominik Jost: Leküre – das andere Leben)

ZITAT 6

Wer über längere Zeit hin nur denselben einen Autor liest, nimmt mit dessen Weise des Sprechens auch dessen Welt auf. Sprache ist nicht das nachträglich hergestellte Gefäß der Wirklichkeit, sie ist mit ihr identisch, Sprache ist Welt, Spracherwerb ist Welterwerb. Wenn nun aber Lesen als eine zentrale Methode des Spracherwerbs gelten muß, dürfte es eigentlich nicht bloß eine Randtätigkeit, eine Feierabendbeschäftigung bleiben. Wer gar im Lesen das Sedativ, die Baldriantinktur gegen die vom Tagesstreß erzeugten Aufgeregtheiten seines Inneren aufzuspüren gewohnt wäre, stände noch im Vorhof der niedern Mysterien und Weihen des Lesens. Richtiges Lesen setzt Entspannung, Ruhe und die Fähigkeit zur Konzentration schon voraus. Wer die Schrift ein Medium nennt, drückt mit dieser Vokabel aus, daß mittels der Schrift Wirkungen erzeugt und erzielt werden. Die Botschaften, die das Medium Schrift speichert und befördert, vermögen sowohl in die Realität als auch in die Wirklichkeit einzugreifen. (Dominik Jost: Leküre – das andere Leben)

ZITAT 7

Ein Buch vertieft durch die Möglichkeit des Austauschs von Gedanken und Urteilen die Beziehung unter seinen Lesern. Indem es Gefühle freisetzt, erweitert und vertieft es das Selbsterlebnis und den Selbstgenuß. Daß Leseerlebnisse sich zu den stärksten Lebenserlebnissen zu verdichten vermögen, erhellt daraus, daß die Kerne der eigenen Biographie manchmal sichtbar werden an der Abfolge der gelesenen Bücher, daß einem also gelesene Bücher als feste Stationen der Lebensgeschichte vorkommen, als Zentren, um die sich dann die Realität gruppiert. (Dominik Jost: Leküre – das andere Leben)

ZITAT 8

Lesen hebt Verlassenheit auf und kehrt sie positiv in Alleinsein. Nach dem substanziellen Gespräch ist das Lesen das fruchtbarste Medium des Gedankenaustausches. (Dominik Jost: Leküre – das andere Leben)

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.