#1573

Juli 30th, 2010

Zivilisation: Wir verstehen darunter die Gesamtheit der durch den Fortschritt von Wissenschaft und Technik geschaffenen und stetig verbesserten materiellen und sozialen Lebensbedingungen. Da diese Verbesserungen der Lebensbedingungen zumindest in zwei Erdteilen höchst fraglich ausfielen, können wir Zivilisation nur mit dem Stand der erreichten Technik gleichsetzen. Und da die technische Entwicklung in allen Staaten der Erde am großzügigsten, rücksichtslosesten und erfolgreichsten in der militärischen Forschung und Industrie betrieben wird und selbst die kleinsten Erfindungen für den zivilen Bereich, etwa den Haushalt, sich nur zu oft als Nebenprodukte der Kriegsforschung erweisen, können wir als genauere Definition formulieren: Zivilisation ist der jeweils erreichte Stand der Waffentechnik samt ihrer zivilen Abfallprodukte und den sich daraus ergebenden materiellen und sozialen Lebensbedigungen der staatsabhängigen Bürger. Soviel zum Zauberwort Zivilisation.) (Christoph Hein: Öffentlich arbeiten. Essais und Gespräche, S. 46)

#1572

Juli 29th, 2010

Eine Frau hat immer Recht, wenn sie ihre Sinnlichkeit ausleben will. Schließlich hat man nur ein Leben, sollte man das mit einem finsteren Vollidioten verplempern, nur weil er Geld hat, weil alle Welt es genauso macht und weil man dazu erzogen wurde, den Mund zu halten? Nein, Teufel nochmal! “Therese Deskejeruhs” ist der erste feministische Roman, so viel ist sicher: Mauriac- Beauvoir, ein und derselbe Kampf! Therese ist Zerstörung pur, “sie raucht wie ein Schlot”, flieht aus ihrem Gefängnis, und alle Frauen des 20. Jahrhunderts sind ihr gefolgt. Doch Therese Desqueyroux ist eigentlich er, Mauriac (er selbst hat erklärt, sie sei sein “weiblicher Doppelgänger”, gleichsam eine Neuauflage von Flaubert mit seiner Bovary): Sein ganzes Leben lang hat er die Welt, der er angehörte, kritisiert, ohne ihr je anders zu entfliehen als durch die Literatur. Mauriac ist ein gefährlicher Spion, ein Reicher, der die Reichen haßt, ein Verräter seiner Klasse, der durch die städtischen Abendgesellschaften und die Academie Francaise zieht, um sich gehässige Bemerkungen über seine hochmögenden Artgenossen zu notieren. Er vollführt einen Drahtseilakt, bei dem ihm permanent der Absturz droht. Seine Faszination für die Sünde ist seine Art sich aufzulehnen. Wie jeder gute Katholik wird er vom Verbotenen angezogen. Ohne Schuld verliert das Laster seinen Sinn (so das Credo der Papisten Sollers und Ardisson). Mauriac ist überholt, aber das ist ihm schnuppe, heute würde er sich langweilen, weil alles erlaubt ist! Ob er in den Backrooms der Landes Extasy schlucken würde? Ob Therese Desqueyroux einen Latexanzug tragen und in einer ungewidmeten Kirche Sadomaso-Sitzungen organisieren würde? Was man Mauriac letztlich vorwirft, ist, daß er nie falsch gelegen hat (gegen die Säuberung, gegen den Algerienkrieg usw.); nichts ist lästiger als jemand, der immer Recht hat. (Frederic Beigbeder: Letzte Inventur vor dem Ausverkauf. Die fünfzig besten Bücher des 20. Jahrhunderts, S. 62)

#1571

Juli 29th, 2010

Durch bedeutende Bücher sehen wir, genau wie durch die Liebe, die Welt mit anderen Augen. (Frederic Beigbeder: Letzte Inventur vor dem Ausverkauf. Die fünfzig besten Bücher des 20. Jahrhunderts, S. 17)

#1570

Juli 29th, 2010

Manchmal wirkt das Erwähnen einer Gebetsintention wie ein Nachrichtendienst. Pater Marcellus hat bei der Vesper gesagt: “Laßt uns beten für die Gattin des Präsidenten von Südkorea.” Dann fiel ihm plötzlich ein, daß niemand außer ihm die neuste Zeitung gelesen hatte, und er fügte schnell hinzu: “…die ermordet worden ist.” - Dann zuckte es ihm wahrscheinlich durch den Kopf, daß niemand begreifen konnte, weshalb jemand die Gattin des Präsidenten von Südkorea hatte ermorden wollen. Darum fügte er noch an: “… bei einem Versuch, den Präsidenten selbst zu ermorden!” Dann dachte er sich, daß mittlerweile die Mönche wohl auch das Ende der Geschichte wissen wollten. Und so schloß er seine Fürbitte mit den Worten: “… der jedoch sicher entkommen ist.” So etwas passiert, wenn man Bibliothekar ist und früher als die anderen die Zeitung liest! (Henri J. M. Nouwen: Ich hörte auf die Stille, S. 108)

#1569

Juli 29th, 2010

Unser Jahrhundert setzt weniger Hoffnung auf Literatur, wenn es überhaupt noch darauf setzt. Die Bücherverbrennungen sind seltener geworden, und ich fürchte, der Grund dafür liegt nicht in der gestiegenen Achtung vor dem geschriebenen Wort, sondern allein in der erkannten Harmlosigkeit, für die man nicht einmal das Feuerholz opfern will. Zudem kam man auf probatere Mittel: wer Bücherverbrennungen scheut, hat die Möglichkeit, die Manuskripte erst gar nicht drucken zu lassen oder die fertigen Bücher zu ertränken, zu ertränken in einem Büchermeer, das alles verschlingt und allein einige schillernde Blasen und etwas schmutzigen Schaum an die Oberfläche läßt. Dieses Ertränken von Büchern ist ihre nachhaltigste Vernichtung, da alle anderen Arten Aufsehen erregen und dadurch gelegentlich unerwünschte paradoxe Folgen mit sich bringen. Und sie unterscheidet sich von Bücherverbrennungen weniger, als die uns glauben machen wollen, die jene mittelalterlich wirkenden Scheiterhaufen verurteilen und die moderneren und vollständigeren Autodafes praktizieren. (Christoph Hein: Öffentlich arbeiten. Essais und Gespräche, S. 45)

#1568

Juli 29th, 2010

Bei Sloterdijk kästnerts in den Überschriften (”Lebensgefühl im Zwielicht”, “Schule der Beliebigkeit”), und ganze Kapitel scheinen Prosafassungen Kästnerscher Chansons zu sein (”Zur Psychosomatik des Zeitgeistes”, “Bombenmeditation” etc.) (Christoph Hein: Öffentlich arbeiten. Essais und Gespräche, S. 142)

#1567

Juli 29th, 2010

Zum Selbsterhaltungstrieb des Menschen, einer bewußt- unbewußten natürlichen Regung, die ihm hilft, die tödliche Gefahr zu vermeiden, zu umgehen, sich gegen sie zu wehren, gehört auch die Fähigkeit, die unerträgliche Wahrheit nicht wahrzuhaben, die Augen vor ihr zu verschließen. Unsere Welt, unser Jahrhundert ist uns unerträglich geworden; wir nehmen sie nur in dem uns erträglichen Maße wahr, wissend, daß das volle Maß einen jeden von uns unfähig machen würde, in dieser Welt weiterzuleben, das heißt, weiter zu hoffen und zu arbeiten. Wir wissen von einem Kontinent hungernder Kinder, von politischem Mord und Terror, von einer Kriegsvorbereitung, die die Grenzen menschlicher Vernunft überschritt und sich seit Hiroshima scheinbar nach der von Menschen unbeeinflußbaren Logistik von Alpträumen potenziert. Wäre die Welt beständig vor unserem Auge, wir wären nicht fähig, ein Gedicht zu lesen oder auch nur gelassen einen Kaffee zu trinken. Der Selbsterhaltungstireb bewahrt uns davor, diese Welt wirklich aushalten zu müssen, indem er unsere Sinne mit einem dicken Fell versieht. Eine nützliche zweite Haut, die uns vor dem schützt, was uns zu diesem Leben unfähig machen würde, und ein gefährliches Fell, denn es erlaubt uns, Unerträglichkeiten zu ertragen und damit das Leben insgesamt zu gefährden. (Christoph Hein: Öffentlich arbeiten. Essais und Gespräche, S. 50)

#1566

Juli 29th, 2010

“Ich weiß, warum Albin eigentlich nichts arbeitet: es fällt ihm zuviel ein”. Dieser Satz aus Arthur Schnitzlers Erzählung “Er wartet auf den vazierenden Gott” spiegelt, abgewandelt, mein Dilemma wider. Vor lauter Ideen am Computer komme ich nicht zum Lesen und werde ständig abgelenkt und unterbrochen. Ein Stakkato von Einfällen und Vorhaben, dem ein Mensch mit mehr Widerstandskraft sich womöglich entziehen könnte. Ich aber nicht. Die Zerfaserung der Aufmerksamkeit erweist sich mehr und mehr als Problem, das man so nicht stehen lassen kann und sollte, ist doch langfristig die komplette Lesefähigkeit in Gefahr. Einmal verhunzt, wäre sie wohl nur mühsam wiederherzustellen. Die einzig richtige und notwendige Konsequenz, die ich aus der erkannten Gefährdung zu ziehen hätte, bestünde darin, den Netzstecker zu ziehen - das stringente Ausschalten schädlicher Noxen während des Lesens! Den Websüchtigen erkennt man an der Scheu, diesen Schritt zu wagen. Es fehlt der Zugriff auf Informationen, die bei der Lektüre eventuell gebraucht werden könnten. Die Vorstellung, abgeschnitten zu sein vom Netz, schafft ein Unbehagen, welches irrational erscheint, wenn ich bedenke, daß ich ehedem wunderbar ohne virtuelle Krücken zurande kam und weiterhin käme, wenn ich dies mir eingestände. Die Droge Internet und Web 2.0., derer ich bedarf, wirkt stark und steht dem Willen, mehr, konzentrierter und nachhaltiger zu lesen, bislang noch entgegen. Der Entzug scheitert an meiner zerfledderten Willenskraft.

#1565

Juli 29th, 2010


Obacht: Bei jedem Wetterwitz mit Kachelmann fährt der Blitz in ein unschuldiges Kätzchen.Thu Jul 29 10:03:47 via web

#1564

Juli 29th, 2010

Neben dem Auftrag des Arztes, Krankheiten zu heilen (curare), ist ein zweiter nennenswert: Leiden zu lindern, etwas, das die Palliativmedizin leistet. “Neben all ihren Errungenschaften hat die Medizin im Laufe der letzten fünfzig Jahre beängstigende und grausame Schicksale hervorgebracht, in die Menschen ohne sie nie geraten wären, weil sie zuvor eines natürlichen Todes gestorben wären.” Ein gedankenreicher, diskussionswürdiger Artikel zur Suizidassistent in Deutschland. “Palliativmedizin und ärztlich assistierter Suizid verhalten sich eben nicht antagonistisch, sondern komplementär zueinander. Ich würde sogar so weit gehen, zu behaupten, dass auch der ärztlich assistierte Suizid zu einer äußersten Maßnahme palliativer Medizin werden kann.” Der Autor des ZEIT-Artikels, Michael de Ridder, selbst Palliativmediziner und Chefarzt einer Rettungsstelle in Berlin, hat unter dem Titel Wie wollen wir sterben? Ein ärztliches Plädoyer für eine neue Sterbekultur in Zeiten der Hochleistungsmedizin ein Buch zu diesem Thema geschrieben.