Archive for Oktober, 2010

#1942

Dienstag, Oktober 26th, 2010

… zählt er auf, was alles seit Cicero an Beiwörtern dem Greis anhängt: mürrisch ist er, grämlich, eigensinnig, ableibig. Er gilt als Knicker, Erbsenzähler, als betrübte Hausunke. Beweisführend zitiert er Hans Sachs: “verzehren die zeit einsam wie ein unk.” (Günter Grass: Grimms Wörter)

#1941

Dienstag, Oktober 26th, 2010

Jedes Fotografiealbum ein Familiengrab. (Günter Grass: Grimms Wörter)

#1940

Dienstag, Oktober 26th, 2010

Wer ohne Not zum Arzt läuft, tauscht gegen die möglichen Vorteile ein erhebliches Risiko ein, Nachteile zu erleiden. Fehlbehandlungen oder bloß verlängerte Todesgewißheit sind die zwei hervorstechenden Gründe, den Medizinbetrieb nicht vorschnell mit Vertrauen zu überhäufen. Es gibt noch zwei mehr. Wenn die Ärzte uns unserem ersten möglichen Tod entrissen haben - welcher späteren Todesart liefern sie uns damit aus? Wenn wir nicht der “Volksseuche” Herztod erliegen (so der erstaunliche Begriff bei einem Gesundheitsforum der Süddeutschen Zeitung): sollen wir dann lieber an Krebs sterben - mit dem Risiko, daß die gewinnenen Lebensjahre ein langes Siechtum sind, daß jedenfalls das Sterben wahrscheinlich langwieriger, schmerzlicher, ekelhafter sein wird, als es beim ersten Anlauf gewesen wäre? Der Tod selber ist die “Seuche”, die Sterbequote beträgt immer 100 Prozent - das muß man einem übermütigen Medizinkartell offenbar ausdrücklich entgegenhalten. Zu guter Letzt erhebt sich die Frage: Wofür eigentlich zerren wir uns durch die vielleicht gewonnenen Jahre? Um noch ein großes Werk zu vollbringen? Fabelhaft! Um uns einen Lebenstraum zu erfüllen? Phantastisch! Um nach den Kindern noch die Enkel gedeihen zu sehen? Wie schön! Um schmerzfrei und zufrieden in die Sonne zu blinzeln? Warum nicht. Doch gegen die bloße Genugtuung, noch auf der Welt zu sein, wäre das Risiko abzuwägen, daß man nur mit Nachtstuhl, Sonde und Katheter auf ihr verweilen kann. Führen nicht Millionen Greise in den hochzivilisierten Ländern ein erbärmliches Leben, das sich auch langes Sterben nennen ließe? (Wolf Schneider: Glück. Eine etwas andere Gebrauchsanweisung, S. 116/17f.)

#172

Dienstag, Oktober 26th, 2010

Aufgeschnappte Wortperlen (in Fortführung, neue zuvorderst):

“Dachhase” für Katze [gelesen in Günter Grass: Grimms Wörter]

“Frostableiter” für Frühling [Jean Paul]

“Zivilisationsapostel” [Christa Wolf: Ein Tag im Jahr]

“Existenzmühen” [Thomas Glavinic: Das bin doch ich]

“Beemmwee”; “Zahnarzt - Gaumenentvölkerer”. [Antonio Lobo Antunes: Elefantengedächtnis]

“poröses Gemüt”; “Säuferhunger”; “Landmädcheneinfältigkeit” [A.F.Th. van der Heijden: Das Gefahrendreieck]

“Gefühl fermentierter Schuld”; “Kleinstadtaristokraten”; “Lebenskrempel” [John Updike: Der Zentaur]

“Feuilletonistisch aufgeschäumte Kritik” [Büchermarkt, 23.6.2010]

“Bewußtseinsniete” [Irmtraud Morgner: Trobadora Beatriz]

“Vogelscheuchenkruzifix” [Vladimir Nabokov: Durchsichtige Dinge]

“Landregengleichmaß”; “kleine ölige Pfarrersrede” [Joseph Roth: Erzählungen]

“Gefühlsmagersucht”; “ästhetische Synkope” [Muriel Barbery: Die Eleganz des Igels]

“Beziehungsgepäck”; “Orientierungsstreitigkeiten” [David Sedaris: Schöner wird’s nicht]

“Koalitionsarithmetik” [Die Welt, gehört im DLF]

“Weihnachtspest”; kulturell unterernährt”; “gesellschaftlich-kulturelles Karussell” [David Lodge: Wie bitte?]

“Krimi-Brimborium” [Gilbert Adair: Mord auf ffolkes Manor]

“Plumpsklosettseele”; “finanziell hartleibig”; “tranfunzlige Intelligenz” [Julian Barnes: Darüber reden]

“Fallstricke der Familiendiplomatie”; “tumultöse Träume”; “reklameselige Zuschauer”; “Unbedenklichkeitslisten irgendwelcher Diätprogramme” [John von Düffel: Houwelandt]

“Müllmampf” (für Fastfood) [John Updike: Das Gottesprogramm. Rogers Version]

“Des Lebens Abendröte” [Arno Geiger: Es geht uns gut]

“Volksbeglückungsprogramm”; “Kathedersozialist”; “Beffchenmann” (für Pastor); “Doktorhascherei”; “bekenntnisstreng”; “der Trotz des Autodidakten”, “Wrasen”; “einen Gustus haben” [Theodor Fontane: Stechlin]

“bürgerschmeichelnde Beruhigungskunst” [Herbert Rosendorfer: Die Erfindung des SommerWinters]

“klappriger Alltag” [Veronique Olmi: Die Promenade]

“Schneiderei” - für Autopsie [Columbo: Alter schützt vor Torheit nicht]

“Scherbenbuddler” - für Archäologe. [Tatort Münster, 16.5.2010]

“Gesamtkatastrophe namens Gegenwart” [Arno Orzessek im DeutschlandRadio]

“Enthirnung” [Walter Vogt: Altern]

“schwermutsvolle Süßigkeit” [Arhtur Schnitzler: Der Weg ins Freie]

“Dampf der Gerüchteküche”, “Vakuum der Begierde”, “Gestenkatalog”; “Geduldsufer”. [Helmut Krausser: Die kleinen Gärten des Maestro Puccini]

“Süßwasserdichter” [Karl Kraus: Literatur und Lüge]

“Prophetengemurmel des Baches” [John Cheever: Die Geschichte der Wapshots]

“heroische Selbstabgewandtheit” [Rayk Wieland: Ich schlage vor, daß wir uns küssen]

“Ewigkeitsblickwinkel”, “Zerrüttungsgesten”, “aufgepeitschte Wortfuchtelei” [Karl-Heinz Ott: Ins Offene]

“englische Oberschichtungeheuer”. [Edward St. Aubyn: Schöne Verhältnisse]

“Allzwecklächeln”, “seelische DNA”, “Mutmaßungstheater”, “Eigenhaßtheorie”; “Familienhorde”, “haltlose Verruchtheitsgesten”, “Vatervermeidung” (bei der Männerwahl), “schnöseliger Weltverachtungsgestus”. [Sibylle Lewitscharoff: Apostoloff]

#1939

Dienstag, Oktober 26th, 2010

Mein Zeitalter hob an, als sich die Weimarer Republik gerade ein wenig von ihren chronischen Schwächeanfällen erholt hatte, dann aber um so schneller verfiel, worauf das Dritte Reich nur zwölf Jahre dauerte, doch Zeit genug ließ, jedweden und so auch mich mit einem Völkermord zu belasten, der, auf den Ortsnamen Auschwitz gebracht, für alle Zeit wie ein Kainsmal haftet. (Günter Grass: Grimms Wörter)

#1938

Dienstag, Oktober 26th, 2010

Ob wir die Demokratie nicht auch deshalb als eine menschenfreundliche Staatsform empfinden, weil sie die Gelegenheit zu massenhafter Schadenfreude institutionalisiert? Alle vier Jahre können wir die Inhaber der Macht aus ihren Ämtern jagen, zwischendurch dürfen wir laut auf sie schimpfen, und die Karikaturisten zeigen sie in Unterhosen. (Wolf Schneider: Glück. Eine etwas andere Gebrauchsanweisung, S. 232)

#1937

Montag, Oktober 25th, 2010

Die Gentests werden vollends aus allen Menschen Kranke machen. (Wolf Schneider: Glück. Eine etwas andere Gebrauchsanweisung, S. 116)

#1936

Montag, Oktober 25th, 2010

Der Mensch ist das hoffend, bagend, grübelnd in die Zukunft greifende Tier. (Wolf Schneider)

#1935

Montag, Oktober 25th, 2010

Ist die vorsorgliche Darmspiegelung (als typisches Beispiel für die regierende Vorsorge-Gesinnung), ist das Weiterschieben von Glückgütern an die nächste Generation eigentlich durchweg vernünftig? Niemand bestreitet, daß mit einer solchen Einstellung eine Einbuße an auch noch möglichen Lebensjahren einhergehen kann. Allenfalls halblaut aber ist von dem möglichen Gewinn die Rede: davon, daß ein Leben abseits von Vorsorge und Magerquark auch Vorzüge hat. Dem erhobenen Zeigefinger der Reformhaus-Kunden und den Posaunen der Gesundheitsindustrie sollte man die Meinung einer bisher eingeschüchterten Minderheit entgegenstellen, von der sich nicht ausschließen läßt, daß sie die Mehrheit ist. Wer leidet, geht zum Arzt - keine Debatte. Wer nicht leidet, hat jedoch zwei Möglichkeiten: Entweder er läßt sich durchleuchten, anstechen und auf Diät reduzieren, in der Hoffnung, künftiges Leiden dadurch zu vermeiden, zu lindern oder hinauszuschieben. Oder aber er will nicht zu lange im Voraus wissen und nicht zu genau erfahren, wann und woran er sterben wird, falls er dieses tut und jenes läßt. Ihm schaudert vor dem unfrohen Dasein, das zwangsläufig die Folge ist, wenn man jede Stunde des Lebens in den Dienst der möglichst langen Vermeidung des Todes stellt.

Versündigt sich denn einer an irgendjemandem, wenn er versucht, halbwegs unbeschwert in den Tag hineinzuleben? An seinem Lebenspartner nicht, falls er sich mit ihm einig ist - an seinen Kindern nicht, falls sie nicht mehr auf ihn angewiesen sind, Umgekehrt: Je länger er sich im Greisenalter etabliert, desto häßlicher ist das Bild, das er den Hinterbleibenden hinterläßt; desto wahrscheinlicher behelligt er sie mit der Pflicht, sich um ein Wrack zu kümmern. Versündigt er sich an der Gesellschaft? An der schon gar nicht. Den so genannten Generationenvertrag in der Rentenversicherung erfüllt keiner besser als der, der eine Woche nach Eintritt des Rentenalters aus der Rente fällt; und der Solidargemeinschaft der Krankenversicherung kann - fromme Reden hin oder her - ein Mitglied nur umso willkommener sein, je früher es stirbt: Sich nicht durch siebzehn Operationen in seine Neunziger hinaufzuquälen, spart Hunderttausende.

Da also Gottes Ratschluß unerforschlich, die Gesellschaft mit jedem nicht allzu späten Tod zufrieden und die Trauer der Familie oft vermutlich von Erleichterung durchsetzt ist, sollte man jedem seine private Entscheidung gönnen. Zu solcher Güterabwägung wären vernünftigerweise noch ein paar Gründe heranzuziehen, die im harmonischen Chor der Ärzte, der Apotheker, der Hypochonder kaum vernehmbar sind. Zum Ersten: Vorsorge und Früherkennung leisten in ziemlich vielen Fällen unbestritten nicht etwa einen Beitrag zur Lebensverlängerung - sie vermehren nur die Zahl der Jahre, in denen wir wissen, wann wir woran sterben müssen; eine grauenvolle Einbuße an Lebensqualität. Könnte es nicht einen Grad des Bescheidwissen über die eigene Zukunft geben, der das Leben unerträglich macht? Wie dringend ist, sich die Prognose aller künftigen Scheußlichkeiten zum täglichen Begleiter zu nehmen - und dies in einer Zeit, in der die Verheißung künftiger Freuden immer weniger offene Ohren findet? (Wolf Schneider: Glück. Eine etwas andere Gebrauchsanweisung, S. 115)

#1934

Montag, Oktober 25th, 2010

Ist die vorsorgliche Darmspiegelung (als typisches Beispiel für die regierende Vorsorge-Gesinnung), ist das Weiterschieben von Glückgütern an die nächste Generation eigentlich durchweg vernünftig? (Wolf Schneider: Glück. Eine etwas andere Gebrauchsanweisung, S. 113)