Archive for April, 2010

#497

Freitag, April 30th, 2010

In mancher Hinsicht werden politische Wahlen unter noch ungünstigeren Umständen durchgeführt als Meinungsumfragen, da die semihypnotischen Wahlkampftechniken das Denkvermögen beeinträchtigen. Die Wahlen werden zu einem spannungsträchtigen Melodrama, bei dem es um die Hoffnungen und Ambitionen der Kandidaten, nicht um Sachfragen geht. Die Wähler können an dem Drama mitwirken, indem sie dem von ihnen favorisierten Bewerber ihre Stimme geben. Wenn auch ein großer Teil der Bevölkerung auf diese Geste verzichtet, ist doch die Mehrheit von diesem römischen Spektakel fasziniert, bei dem Politiker statt Gladiatoren in der Arena kämpfen. (Erich Fromm: Haben oder Sein, S. 175)

#496

Freitag, April 30th, 2010

Nun ist es für alle offenbar, daß die Selbstvernichtung der Kultur im Gange ist. Auch was von ihr noch steht, ist nicht mehr sicher. Es hält noch aufrecht, weil es nicht dem zerstörenden Drucke ausgesetzt war, dem das andere Opfer fiel. Aber es ist ebenfalls auf Geröll gebaut. Der nächste Bergrutsch kann es mitnehmen… Die Kulturfähigkeit des modernen Menschen ist herabgesetzt, weil die Verhältnisse, in die er hineingestellt ist, ihn verkleinern und psychisch schädigen. (Albert Schweitzer)

#495

Freitag, April 30th, 2010

Wie bereits erwähnt, spielt Freude eine hervorragende Rolle im Denken Meister Eckharts. Der Gedanke der schöpferischen Kräfte des Lachens und der Freude hat vielleicht seinen schönsten poetischen Ausdruck bei Meister Eckhart gefunden: “Wenn der Vater den Sohn anlacht und dieser lacht zurück, da bringt das Lachen Lust hevor und die Lust schafft Freude und die Freude gebiert Liebe und die Liebe bringt die Person hevor und diese erschafft den Heiligen Geist.” (Erich Fromm: Haben oder Sein, S. 116)

#494

Freitag, April 30th, 2010

Die Propheten appellieren an die Menschen, aufzuwachen und zu erkennen, daß ihre Idole nichts anderes als das Werk ihrer eigenen Hände, Illusionen sind. Jesus sagt: “Die Wahrheit wird euch frei machen!” (Jo 8,32). Meister Eckhart hat seine Vorstellung vom Erkennen oftmals ausgedrückt, so etwa wenn er bezüglich der Erkenntnis Gottes sagt: “Das Erkennen legt keinen einzigen Gedanken hinzu, vielmehr löst es ab und trennt sich ab und läuft vor und berührt Gott, wie er nackt ist und erfaßt ihn einzig in seinem Sein. (Erich Fromm: Haben oder Sein, S. 48)

#493

Freitag, April 30th, 2010

Die Entwicklung dieses Wirtschaftssystems wurde nicht mehr durch die Frage: ‘Was ist gut für den Menschen?’ bestimmt, sondern durch die Frage: ‘Was ist gut für das Wachstum des Systems?’ Die Schärfe dieses Konflikts versuchte man durch die These zu verschleiern, daß alles, was dem Wachstum des Systems (oder auch nur eines einzigen Konzerns) diene, auch das Wohl der Menschen fördere. (Erich Fromm: Haben oder Sein, S. 18)

#492

Freitag, April 30th, 2010

Freude ist Übergang des Menschen von geringerer zu größerer Vollkommenheit. Trauer ist Übergang des Menschen von größerer zu geringerer Vollkommenheit. (Spinoza)

#491

Freitag, April 30th, 2010

Der Sabbat ist die wichtigste Idee innerhalb der Bibel und innerhalb des späteren Judentums. Es ist die einzige strikte religiöse Anweisung der Zehn Gebote, ihre Einhaltung wird sogar von den im übrigen antiritualisitischen Propheten gefordert. Es war das am striktesten befolgte Gebot im den 2000 Jahren des Lebens in der Diaspora, obwohl gerade diese die Einhaltung erschwerte. Es ist kaum zu bezweifeln, daß der Sabbat ein Lebensquell für die in alle Winde zerstreuten, machtlosen und oft verfolgten Juden war; daß sich ihr Stolz und ihre Würde erneuerten, wenn sie wie Könige den Sabbat feierten. Ist der Sabbat nichts weiter als ein Tag der Ruhe im weltlichen Sinn der Befreiung des Menschen von der Last der Arbeit, wenigstens an einem Tag? Natürlich ist er auch das, und diese Funktion macht ihn zu einer der großen Errungeschaften in der Evolution des Menschen. Doch wenn dies alles wäre, hätte der Sabbat wohl kaum die zentrale Rolle, gespielt, die ich eben beschrieben habe. Um diese Rolle zu verstehen, müssen wir zum Kern dieser Institution vordringen. Es handelt sich nicht um Ruhe an sich in dem Sinne, daß man jegliche physische oder geistige Anstrengung meidet; es geht um Ruhe im Sinne der Wiederherstellung vollständiger Harmonie zwischen den Menschen und zwischen Mensch und Natur. Nichts darf zerstört und nichts aufgebaut werden; der Sabbat ist ein Tag des Waffenstillstandes im Kampf des Menschen mit der Natur. Sogar das Abreißen eines Grashalmes wird ebenso als eine Verletzung dieser Harmonie angesehen wie das Entzünden eines Streichholzes. Auch keine gesellschaftlichen Veränderungen dürfen vorgenommen werden. Das ist der Grund, warum es verboten ist, etwas auf der Straße zu tragen, selbst wenn es so wenig wiegt wie ein Taschentuch, während es erlaubt ist, im eigenen Garten eine schwere Last zu tragen. Nichts das Tragen als solches ist verboten, sondern der Transport eines Objekts vpn einem privaten Grundstück zu einem anderen, da es sich bei einem solchen Transfer ursprünglich um die Veränderung von Eigentumsverhältnissen handelte. Am Sabbat lebt der Mensch, als hätte er nichts, als verfolge er kein Ziel außer zu sein, das heißt seine wesentlichen Kräfte auszuüben - beten, studieren, essen, trinken, singen, lieben. Der Sabbat ist ein Tag der Freude, weil der Mensch an diesem Tag ganz er selbst ist. Das ist der Grund, warum der Talmud den Sabbat die Vorwegnahme der Messianischen Zeit nennt und die Messianische Zeit den nie endenden Sabbat: der Tag, an dem Besitz und Geld ebenso tabu sind wie Kummer und Traurigkeit, ein Tag, an dem die Zeit besiegt ist und ausschließlich das Sein herrscht. Sein historischer Vorläufer, der babylonische Shapatu, war ein Tag, der Trauer und der Furcht. Der moderne Sonntag ist ein Tag des Vergnügens, des Konsums und des Weglaufens von sich selbst. Man könnte fragen, ob es nicht an der Zeit wäre, den Sabbat als universalen Tag der Harmonie und des Friedens einzuführen, als den Tag des Menschen, der die Zukunft der Menschheit vorwegnimmt. (Erich Fromm: Haben oder Sein, S. 56f.)

#490

Freitag, April 30th, 2010

Für Basilius wie für die anderen Kirchenväter ist der Zweck aller materiellen Güter, den Menschen zu dienen, charakteristisch für ihn ist die Frage: “Wer einem ein Kleid wegnimmt, der wird Dieb genannt; wer aber den Nackten nicht kleidet, ob er’s gleich könnte, verdient der eine andere Bezeichnung?” (Erich Fromm: Haben oder Sein, S. 63)

#489

Freitag, April 30th, 2010

“… Begünstigung eines Mordversuches. Das heißt, Sie verschwinden verdammt lang von der Bildfläche. Ich wills mal so ausdrücken. Ihr Bewährungshelfer ist noch nicht mal geboren.” (Monk S07E11)

#488

Freitag, April 30th, 2010

Unser Verständnis der Eigenart des Wissens bei einem Menschen, der in der Weise des Seins lebt, können wir vertiefen, wenn wir uns vergegenwärtigen, was Denker wie Buddha, die Propheten, Jesus, Meister Eckhart, Sigmund Freud und Karl Marx vertreten haben. Wissen beginnt in ihren Augen mit der Erkenntnis der Täuschungen durch die Wahrnehmungen unseres sogenannten gesunden Menschenverstandes; nicht nur in dem Sinn, daß unser Bild der physischen Realität nicht der “tatsächlichen Wirklichkeit” entspricht, sondern insbesondere in dem Sinn, daß die meisten Menschen halb wachen und halb träumen und nicht gewahr sind, daß das meiste dessen, was sie für wahr und selbstverständlich halten, Illusionen sind, die durch den suggestiven Einfluß des gesellschaftlichen Umfelds hervorgerufen werden, in dem sie leben. Wissen beginnt demnach mit der Zerstörung von Täuschungen, mit der “Ent- täuschung”. Wissen bedeutet, durch die Oberfläche zu den Wurzeln und damit zu den Ursachen vordringen, die Realität in ihrer Nacktheit “sehen”. Wissen bedeutete nicht, im Besitz von Wahrheit zu sein, sondern edurch die Oberfläche zu fringen und kritisch und tätig nach immer größerer Annäherung an die Wahrheit zu streben. (Erich Fromm: Haben oder Sein, S. 48)