Archive for Februar, 2010

#117

Sonntag, Februar 28th, 2010

Ist eigentlich die Wahrscheinlichkeit höher, daß der Sturm einem das Dach abdeckt (ich wohne direkt darunter) oder daß die Pappel gefällt wird, die dann gegens Haus kracht und meinen Schreibtisch oder gar die Frisur in unschöne Unordnung bringen könnte? Oder ist es wahrscheinlicher, vom Blitz getroffen zu werden? Mein Sturmangst ist stärker ausgeprägt als die Blitzangst. Wie heißen die entsprechenden lateinischen Ausdrücke? Höre ich da nicht schon Holz splittern? Als ich eben auf Toilette saß, fegte es nach einer heftigen Windbö den als Lesezeichen bernutzten Kassenbon vom Fensterbrett. Bemerkenswert; denn die Fenster sind eigentlich hermetisch geschlossen und neu und halten sonst alles ab. Zu DDR-Zeiten mußte ich mein Erkerzimmer bei Regen freilich schützen, weil es Wasser literweise durch die undichten Fenstern ins Zimmer spülte. Die Fensterbretter wurden mit Tüchern abgedeckt. Der Vorteil solcherart undichter Fenster bestand darin, daß nie gelüftet werden mußte. Die 3 Pappeln vor meinem Haus, welche ich eigentlich so liebe, stehen stabil. Noch. Im Sommer schenken sie mir ein liebliches Rascheln der Blätter, eine bei geöffnetem Fenster auch nachts liebliche Naturmusik, die mich als Städter mangels “richtiger” Natur eben so trösten muß.

#112 - Notate 28. Februar 2010

Sonntag, Februar 28th, 2010

Neidisch war ich als Kind und Jugendlicher auf diejenigen, die zuhause eine Warmwasserboiler hatten. Wir hatten im Bad lediglich einen Kohleofen, der samstäglich zum Einsatz kam, allerdings mit entsprechend stundenlangem, Konzentration erforderndem und Nerven zerrüttendem Brimborium wie Anheizen, stufenweisem Drosseln der Luftzufuhr, Schüren und Nachlegen der Kohle. Wie viel luxuriöser, einfach den Hebel zu drücken, der die Gasflamme emporschießen ließ und loszuduschen. Wir hatten ja nix damals.

Aufgeschnappte Wortperlen (2): “schnöseliger Weltverachtungsgestus” (Sibylle Lewitscharoff: Apostoloff, S. 105)

Andrea Diener nimmt uns mit auf eine Zeitreise bezüglich des mobilen Musikhörens. Nebst angenehmen Kommentaren unten. Prima.

So viel Kies, wie nach abgetautem Schnee momentan auf den Gehwegen liegt, möchte ich gerne in meiner Geldbörsen vorfinden…

Während ich beim heutigen “Model” knallhartes Business assoziiere, kommt mir beim kürzlich bei Simenon wiederbegegneten “Mannequin” eher Variete in den Sinn…

Wenn schon nicht ganz klar definiert ist, welchen Zeitraum ein Äon umfaßt, frage ich mich, welchen ich mir bei dem in einem Buch gelesenen “Äönchen” vorzustellen habe.

Die verrücktesten Buchtitel: Teil 1, Teil 2, Teil 3 und Teil 4.

Aufgeschnappte Wortperlen (1): “Mutmaßungstheater” (Sibylle Lewitscharoff: Apostoloff)

#116

Sonntag, Februar 28th, 2010

Im digital diary geht es weiter zum Thema Macht und Geschlecht, woraufhin ich sofort einen Kommentar schreiben mußte: “Als Krankenpfleger arbeite ich in einer Frauendomäne. Meine zwei unmittelbaren Vorgesetzten sind Frauen (Stationsschwester, Pflegedienstleiterin). Sie üben eine, wenn auch in dieser Hierarchie bescheidene Macht aus. Auch sonst bin ich Hahn im Korb. Zwar nahm der Anteil männlicher Pflegekräfte in den 20 Jahren, die ich diesen Job nun mache, signifikant zu; trotzdem hatte ich noch nie mit männlichen Leitungskräften zu tun und kann somit leider keinen direkten Vergleich ziehen. Als einziger Mann inmitten von 12 festangestellten weiblichen Pflegkräften erlebe ich ‘ne Menge Rumgezicke und bin daran gewöhnt. Vielleicht habe ich sogar einen Sensus für feminine Herangehens- und Verhaltensweisen entwickeln können, der es mir ermöglicht, um die Ecke herum zu kommunizieren. Ebenso unmöglich ist eine reine sachbezogene, abstrahierende Diskussion. Ich muß Probleme konkret erörtern und immer Rücksicht auf personenspezifische Besonderheiten nehmen. Als Koch (damals vor mehr als 20 Jahren) erlebte ich einen ungleich rüderer Ton. Die Küche ist kein Zuckerschlecken. Da bekam man öfter eine Schaumkelle ins Kreuz. In der Pflege fällt mir vor allem das Harmoniebestreben nicht nur der Leitungsebene auf. Konflikte drücken sich unter Frauen vielfältiger aus. Sie bleiben dankbarerweise aber nie lange virulent, sondern müssen sozusagen heraus und bewältigt werden. Das Ziel ist die rasche Einigung, das Wiederherstellung eines auch emotional erträglichen Zustandes. Macht verändert. Ich habe im Laufe der Jahre viele Kollegen (Studenten, Ärzte, Schwestern) die Hierarchiestufen heraufklettern sehen. Die Notwendigkeit, Entscheidungen und Anordnungen zu treffen, die befolgt werden müssen, verändert das Selbst- und Fremdbild und beeinflußt den Handlungsrahmen. Aus ehemals sehr umgänglichen Menschen können Kotzbrocken werden oder Menschen mit zunehmenden Macken, die ab einer gewissen Karrierehöhe niemand mehr zu ändern vermag, weil die Machtposition den Einspruch verbietet. Kommt der Chefarzt, zittert die Belegschaft, verstummen sonst sehr redefreudige Kollegen. Ich weiß ja auch nicht. Möglicherweise spielen geschlechtsspezifische Aspekte ab einer bestimmten Höhe einer Machtpistion keine Rolle mehr, sondern die Position selbst ist es, die einen Charakter schafft.

#115

Sonntag, Februar 28th, 2010

Feridun Zaimoglu in der Süddeutschen zur Hegemann-Sache: “Man sollte einen neuen Preis ausloben, den Jugend-Sample-Preis, und dann könnten jene Kritikerinnen und Kritiker, um die es geht, bei der Preisverleihung in der ersten Reihe stehen und sich die Hände blutig klatschen. Aber diejenigen, die der Meinung sind, dass es besser ist, seine Bücher selber zu schreiben, sollten mit diesem Pipifax bitte nicht belästigt werden. Denn abschreiben ist nicht originell, sondern schäbig. Das geistige Eigentum ist nicht Verhandlungsmasse von entfesselten Kleinbürgern.”

#114

Sonntag, Februar 28th, 2010

Der Vater macht nun schon seit neununddreißig Jahren Gebrauch von der Ewigkeit. Wenn wir ihn hätten rächen sollen, hätte er uns Bescheid gesagt. (Sibylle Lewitscharoff: Apostoloff, S. 102)

#113

Sonntag, Februar 28th, 2010

Dieses mich aufregende “Aha!”, wenn ich erwähne, daß ich einst Koch war. Aha, weil dies offenbar die 113-kg-Statur plausibel macht, während ich damals (mit 20) gerade mal verhungerte 68 kg auf die Waage brachte. Berufsbezogene Klischees allerorten. Als ehemaliger Koch dem häuslichen Dauerbrutzeln abgeneigt zu sein, paßt nicht in die Köpfe. Legt ein Fliesenleger in seiner Freizeit unentwegt Fliesen? Als nunmehriger Krankenpfleger nehme ich mir auch keine dementen, inkontinenten Greise mit nach Hause.

#111

Sonntag, Februar 28th, 2010

Zur Käßmann-Sache, zu der ich mich im digital diary in eine kleine Diskussion verwickeln ließ und die ich hier im Bücherlei bereits erwähnte nun noch etwas: “Daß ein SO neuralgischer Punkt getroffen wurde, wird klar, wenn man zur Kenntnis nimmt, daß, laut einer Emnid-Umfrage, die von der BAMS in Auftrag gegeben wurde, Alkohol am Steuer moralisch verwerflicher ist als Ehebruch. Möglicherweise weil die Zahl der potenziell Geschädigten beim Fahren im Suff ungleich größer wäre. Diese arithmetische Herangehensweise wäre in meinen Augen wiederum typisch für unsere herzenserkaltende Gesellschaft. Einer exponierten Amtsträgerin einen verplätten kommt gut, aber dafür zu sorgen, daß die durch Arbeitsdruck stets tickende Zeitbombe der Bus- und Fernfahrer entschärft wird, erscheint ungleich problematischer, weil die komplexen Zusammenhänge und Gründe nicht so boulevardesk und bühnenreif beiseite geschoben und aufgedröselt werden können.

#110

Sonntag, Februar 28th, 2010

Das ‘zweite Kind’, im gestern gesehenen Literaturclub (LC) von Februar als “Anschlußtreffer” tituliert - als Beispiel für mißlungenen, ausgeleierten Humor, kannte ich trotzdem noch nicht. Der LC, übrigens an neuem Ort mit neuen Kritikern, wirkt aufgepeppt. Sie reden schneller. So bleibt Zeit für Einspieler. Jan-Josef Liefers mag ich. Seine “Ähms” zeugen von Überlegung, mit der er seine Gedanken formuliert - das ist verkraftbarer als eine flüssig vorgetragene Politikerrede. Bin gespannt, wie sich die Altkritiker in der nächsten Sendung mit der Verjüngungskur arrangieren. Mir fiel nur bislang immer auf, daß sie auf einem entfernten Literaturplaneten leben, auf dem Internet noch nicht erfunden scheint und andere Medien als die papierenen immer noch als suspekt gelten. Die Behäbigkeit, die der Lokalität (Schweiz) Tribut zu zollen scheint, die Nachdenklichkeit und rhetorische Verzögerung, mit der die Kritiker im Literaturclub der letzten Zeit (leider kenne ich ihn unter Roger Willemsen oder dem roten Dani nicht - wars da anders?) agierten, war manchmal schon ein wenig einschläfernd monoton. Mal sehen, wie es wird. Ich mag das gekünstelte Lachen von Iris Radisch ja nicht, ihren hechelnden Duktus. Dennoch gibt es zu dieser Sendung kein Pendant, keine Alternative.

#109

Sonntag, Februar 28th, 2010

In jedem Krankenhaus gibt es einen Grundstock an Paranoia. (Liz Jensen: Das neunte Leben des Louis Drax, S. 9)

#108

Sonntag, Februar 28th, 2010

Gibt es jemals ein Genügen an der Gegenwart? (Franz Werfel: Die tanzenden Derwische. Erzählungen, S. 60)