Archive for the ‘Tagebuch’ Category

#1616

Mittwoch, August 11th, 2010

Heute war ich wieder dankbar für die Editionsleistungen der DDR-Verlage. Ich besuchte einen Buch-Wein- und Kaffeeladen in der Leipziger Innenstadt (::kawai::), an dem ich bisher immer vorbeigefahren war. Anlaß war der Fund eines Buch mittels Boolooker, der diesen Laden angab. Und weil ich so prima die Versandkosten sparen konnte, stieg ich kurzerhand aus und beschnarchte mir diesen Laden, in dem Bücher sowohl zu Dekorationszwecken als auch, nebenher, zu Verkaufszwecken existieren. Es ist eine Art Mischmaschladen, ein Cafe, in dem man Wein, Kaffee, Getränke, Musik und eben auch Bücher kaufen kann. Aber auch nur lesen. Mann nimmt sich ein Buch, bestellt Kaffee etc. und läßt sich in einen herumstehenden Sessel oder auf das Sofa fallen. Die Bücher sind in verwinkelten Regalreihen - auf den ersten Blick - chaotisch drapiert. Auf den zweiten Blick erkennt man eine Sortierung nach Verlagen. Hardcover separat in recht düsteren Ecken, die eine Lampe nur dürftig ausleuchtet. Interessant nun dies: Ich sagte, ich hätte einen Werfel auf Booklooker gefunden. Wo ich ihn denn finde könne. Das wisse sie nicht. Tue ihr leid. Ich daraufhin, wie es nun gemacht würde, wenn tatsächlich jemand auf Booklooker eines ihrer Bücher anfordere. Ja dann, so die Aussage, würde man das Buch schon suchen gehen. Half mir in dem Moment nicht, was aber nicht schlimm war, weil ich eine Ausgabe mit Dürrenmatt-Erzählungen aus dem Verlag Volk & Welt für 3 Euro in Super-Qualität fand, die mir gleich 3 ramponierte Diogenes-Taschenbücher ersetzt. In selber Ausstattung gibt es auch Dürrenmatt-Komödien, die ich seit langem besitze.

#1615

Samstag, August 7th, 2010

Ich habe mich nachts bei sperrangelweit geöffneten Fenstern erkältet (man sollte volltrunken eben bei geschlossenen schnarchen) und huste und schnupfte nun herum. Die damit korrelierende Lustlosigkeit, etwas zu tun, sogar das, was ich sonst bereuen würde. Irgend etwas. Stattdessen ödes Starren auf den Bildschirm und ziemlich mühsame, immer wieder unterbrochene Lektüre. Und viel Schlaf, Schlaf, den ich in den letzten Wochen entbehrte. Man kann ihn also nachholen.

#1605

Mittwoch, August 4th, 2010

Weiteres Posting innerhalb des im Vorposting erwähnten Threads: “Natürlich gibt es sowohl unter konformen als auch nonkonformen Verhaltensweisen üble und abzulehnende. Es ist kein Wert an sich, anders als andere zu denken und zu handeln. Gesellschaftliche Regeln, die Höflichkeit generieren und das Zusammenleben erträglich machen, sind, klar, auf Konformität gegründet. Ich habe mehrere Bücher über Exzentriker und Sonderlinge gelesen, die meistens ziemlich harmlos sind, wenn gelegentlich allerdings nervtötend sein können. Was - im Bücherwesen - könnten positive Sonderwege sein? Eine Buchhandlung, die nicht den üblichen Kram im Sortiment hat, eine Wohltat. Ein Verlag, der trotz des absehbaren finanziellen Mißerfolges, ein Buch oder eine Reihe verlegt, weil er es für wichtig hält. Ein Leser, der seine Leserlebnisse Intuition und Wagemut verdankt, der gelernt hat, abseits eingefahrener Wege Perlen zu finden. Exzentrische Projekte gibt es immer wieder; erinnert sei an A.J. Jacobs, der die EB durchlas und darüber ein Buch schrieb (Britannica & ich) und der in der Folge versuchte, alle Thora-Gebote zu erfüllen (Die Bibel und ich). Auch wenn ich mich an Listen orientiere, würde ich nicht sagen, ein erlebnis- und ergebnisärmeres Leseleben zu führen. Die Orientierung brauche ich eben, wenn ich z.B. bei einem Dutzend Erzählbänden von Maugham den Überblick behalten will. Je mehr man von einem Autor liest, desto zwingender bedarf man der Vorbereitung und Notation. Ansonsten würde ich als Simenon-Leser bei einem Oeuvre von 200 Werken schon längst verzweifelt sein.”

#1593 Tagebuchbloggen 3-8-2010

Dienstag, August 3rd, 2010

[13:19] Jugendlicher Handytelefonierer gestern Abend in der Straßenbahn: “Und hoffentlich hast du dann nicht deine Tage! Wäre ja fatal!”

[13:14] Ein Freund und ausgesprochener Kritiker bezeichnete Apple als Techniksekte. Es hätte “Technik zu einer Religion gemacht und zensiere und bevormunde seine Nutzer wie die Kirche vor 250 Jahren.” Woraufhin ich eingestand, deren Erfolg nun zu kapieren. Apple sozusagen als die Anti-Amishen-People…

[12:40] Nach der 4. und letzten Nachtwache heute typischerweise nur bis 12 Uhr geschlafen und das deutliche Gefühl, neben mir zu stehen. Lektüre wird in dieser Verfassung zum Gewaltakt. Ich tendiere dazu, mich noch mehr als sonst ablenken zu lassen und mäandere herum, lese mal ein paar Zeilen, schaue dann wieder auf neue Tweets oder Facebookeinträge… Dies kommt mir höchst unergiebig, unzufriedenstellend und verquer vor. Was nur anders tun?

Dieses ‘Tagebuchbloggen” ist ein Mirror der im Bücherlei beheimateten Miszellen. Probehalber versuche ich mal eine Spiegelung in diesem Blog. Mir ist in Moment ein bißchen nach Notaten, die meinen Alltag reflektieren.

#1592 Tagebuchbloggen 2-8-2010

Montag, August 2nd, 2010

[17:18] Die dritte Tasse Kaffee. Ich kann ja beides: Schwarztee und Kaffee. Beim Boxen gibt es die Links- und Rechtsausleger - ich kann in beiden Auslagen trinken. Des Brimboriums des Teeaufbrühens manchmal leid, greife ich zu heißem Wasser und löslichem Kaffee. Die Neuronen danken es einem mit einem wohligen Durchzittern. Da ich auf Arbeit neben den Kaltgetränken wie zuckerfreie Cola und Limonaden, ausschließlich Kaffee trinke, beschränke ichs zuhause möglichst und fröne eher dem Schwarztee.

[17:01] Feier”abend” um 6.30 Uhr. 1 Stunde Heimfahrt mit der Straßenbahn. An Lektüre ist nach dem Nachtdienst nicht zu denken. Zu Müde. SO müde, daß ich heute sogar eine Haltestelle zu weit fuhr, weil ich eingenickt war. Demnach verlorene Zeit, diese Stunde. Schlafen kann ich dann ganz unterschiedlich. An manchen Nachtdienstzyklen treibt es mich bereits zwischen 12 und 13 Uhr aus dem Bett, manchmal, wie gerade, zwischen 14.30 und 16 Uhr. Zwischen 19 und 20 Uhr lege ich mich in jedem Fall nochmals hin. Ihr seht, viel Zeit bleibt nicht. Wenn alles gut klappt, zwei ungestörte Stunden, die, wenn ich sie nicht konsequent für die Lektüre einsetze, vergeudet sind, es mir zumindest so erscheint und, halte ich mich nicht daran, ein Gefühl des Verdrusses und der Mißstimmung erzeugt.

[16:56] Sehr wenig Zeit an den Tagen, an denen ich Nachtschicht habe. Früh zwischen 7.30 und 8 Uhr ins Bett, heute bis 15 Uhr geschlafen, Kaffee gekocht, die letzten 30 Seiten von Amelie Nothombs “Quecksilber” gelesen, immer wieder der Blick auf Twitter und Facebook, Nachrichten usw. Die Minuten verrinnen. Mit Christa Wolfs “Störfall” begonnen, die Zweitlektüre des 1994 zuerst gelesenen Buches.

#1566

Donnerstag, Juli 29th, 2010

“Ich weiß, warum Albin eigentlich nichts arbeitet: es fällt ihm zuviel ein”. Dieser Satz aus Arthur Schnitzlers Erzählung “Er wartet auf den vazierenden Gott” spiegelt, abgewandelt, mein Dilemma wider. Vor lauter Ideen am Computer komme ich nicht zum Lesen und werde ständig abgelenkt und unterbrochen. Ein Stakkato von Einfällen und Vorhaben, dem ein Mensch mit mehr Widerstandskraft sich womöglich entziehen könnte. Ich aber nicht. Die Zerfaserung der Aufmerksamkeit erweist sich mehr und mehr als Problem, das man so nicht stehen lassen kann und sollte, ist doch langfristig die komplette Lesefähigkeit in Gefahr. Einmal verhunzt, wäre sie wohl nur mühsam wiederherzustellen. Die einzig richtige und notwendige Konsequenz, die ich aus der erkannten Gefährdung zu ziehen hätte, bestünde darin, den Netzstecker zu ziehen - das stringente Ausschalten schädlicher Noxen während des Lesens! Den Websüchtigen erkennt man an der Scheu, diesen Schritt zu wagen. Es fehlt der Zugriff auf Informationen, die bei der Lektüre eventuell gebraucht werden könnten. Die Vorstellung, abgeschnitten zu sein vom Netz, schafft ein Unbehagen, welches irrational erscheint, wenn ich bedenke, daß ich ehedem wunderbar ohne virtuelle Krücken zurande kam und weiterhin käme, wenn ich dies mir eingestände. Die Droge Internet und Web 2.0., derer ich bedarf, wirkt stark und steht dem Willen, mehr, konzentrierter und nachhaltiger zu lesen, bislang noch entgegen. Der Entzug scheitert an meiner zerfledderten Willenskraft.

#1498

Montag, Juli 26th, 2010

“Immer wenn mein Vater das Mitleid bekam, das er suchte, wurde er schroff und bizarr.” (John Updike: Der Zentaur) - Als ich diesen Satz las, dachte ich sofort an mich selbst, der einen ähnlichen paradoxen Reflex kennt. Einerseits lechzt man nach Nähe und Verständnis; andererseits weiß man, widerfahren sie einem, wenig damit anzufangen, kann nicht adäquat, d.h. natürlich darauf reagieren. Flüchtet sich in Unbeholfenheiten, Zynismus, Muffeligkeit und brüskiert die Mitmenschen, die partout nicht verstehen können, wie diese einfachen Gesten der Empathie scheinbar auf Granit stoßen. Mich macht Lob durch Kollegen oder Chefs einfach erst Mal verlegen. Das durchstößt den Panzer, den man um sich aufgerichtet hat. Und die vermeintliche Schutzlosigkeit sieht man als Gefahr.

#1450

Sonntag, Juli 25th, 2010

So schlimm und beklagenswert jeweils die Todesopfer von Katastrophen sind, so sehr fühle ich mit den in den Nachrichten meist als Anhängsel folgenden Verletzten. Denn sie leben weiter. Und oft ein Leben lang mit schweren Einschränkungen. Schwere Schicksale, die dahinter stehen. Wenn man wochen- und monatelang auf einer Intensivstation liegt oder wochen-, monate- oder jahrelang im Wachkoma, wenn man nach schwersten Verletzungen eine Odysee an Heil- und Rehabilitationsmaßnahmen zu absolvieren hat, wenn man, von einer Minute auf die andere, aus seinem Lebenskonzept geworfen wird und ein Leben zu führen hat, das man nie gewollt hat, das man sich nie hat auch nur vorstellen können. Deshalb bei solchen Katastrophen immer auch der Blick auf die “Nebenschäden”, auf die Angehörigen, die mit Schwergeschädigten umgehen müssen, deren Leben ebenso betroffen ist. Pläne werden zunichte. Not tritt zutage. Es sind oft Helden, die aus den Schicksalsschlägen entstehen und denen einmal ein Lob gesungen werden muß!

#1396

Donnerstag, Juli 22nd, 2010

Bei den unglaublichen und erschütternden Vorgängen auf Ameland frage ich mich, woher soll denn der Optimismus kommen, dessen Fehlen mit so häufig zur Last gelegt wird. Der Satz “Die Großen ärgern uns” hätte mich als Erzieher nie und nimmer in Richtung sexueller Mißbrauch gelenkt. Ich war als Kind und Jugendlicher alljährlich auf Gruppenfahrten, und die Klage “Die Großen ärgern uns” gehörte zum Grundtenor des Sich-Wehrens gegen normale Kappeleien unter Kindern unterschiedlichen Alters. ABER. Sollte es tatsächlich so sein, daß gegenüber Erziehern von “Fisting” gesprochen wurde, kann ich nicht glauben, daß hier völlige Ahnungslosigkeit geherrscht habe. Selbst wenn man nicht wüßte, daß ein sexuelle Praxis dahinter steht, steht die Faust per se für etwas, was Gewalt vermuten läßt bzw etwas, was jenseits einer friedlichen Handarbeitstechnik angesiedelt sein könnte. Es gibt so furchtbare Dinge in der Welt, im Großen, wie Krieg, Hunger, Terror, denen wir eher hilflos gegenüberstehen, daß es dann um so mehr schmerzt, wenn in den Bereichen, im Kleinen, derartiges vermeidbare Exzesse vorkommen wie Kindesmißhandlungen, Gewalt in der Familie, in Gruppierungen u.v.m.

#1173

Dienstag, Juli 20th, 2010

Der Ganzkörperschleier (Burka) raube den Frauen jede Individualität, meint Alice Schwarzer. Klingt gut und entspricht auch intuitiv meinem Freiheitsbegriff. Denke ich aber nach, frage ich mich, warum die Individualität eines Menschen von der Sicht eines außenstehenden Menschen definiert werden soll. Das ist Unsinn. Die Individualität ist dem Inhaber eigen und unabhängig von dem, was er anhat oder nicht anhat.