Archive for the ‘Tagebuch’ Category

#1927

Montag, Oktober 25th, 2010

Wußtet ihr, daß mein Abitur in der DDR nicht anerkannt war, sondern in der BRD? Dieses Kuriosum verdankt sich der Tatsache, daß wir nach der Preußischen Schulordnung von 1923 (Revision 1951) im Prinzip ein Humanistisches Abitur mit den Altsprachen Griechisch und Latein erhielten. Das innerkirchliche erworbene Abitur diente der Zulassung zum Theologiestudium an der einzigen katholischen Fakultät in Erfurt. Wer damit in den Westen ausreiste, durfte an allen Universitäten der BRD studieren. Das Norbertinum (oder Norbertuswerk) ermöglichte so genannten Spätberufenen die Hochschulreife. Junge katholische Männer, die meist schon einen erlernten Beruf hatten, die aber die Berufung zum Priester spürten. Der oft auch politisch reglementierte Zugang zur höheren Schule in der DDR ließ die Notwendigkeit eines katholischen Proseminars entstehen. Das Norbertinum bestand von 1952 bis 1999, wobei es sich ab 1990 nicht mehr auf Priesteramtskandiaten beschränkte. Wir, die wir 1986 bis 1989 im Norbertuswerk lebten, waren somit die letzten “Regulären”. Der berühmteste Norbertiner ist übrigens der Kölner Kardinal Joachim Meißner.

#1842

Donnerstag, Oktober 14th, 2010

Überlege noch, ob ich die Schnapsidee (auch buchstäblich, denn Kaufland verkauft Dujardin in dieser Wochen für 6.- EUR), einen 1000-seitigen Wälzer aus der Bibliothek zu holen, verwirklichen soll. Nüchtern betrachtet hieße das, mit Gewalt die Leselust anzukurbeln. Gibt es eigentlich Viagra für ermüdete, impotente Leser?

#1838

Donnerstag, Oktober 14th, 2010

Zweiter Urlaubstag (von vierzehn). Anhaltende Lust- und Entscheidungslosigkeit, mit der auch eine Leseverwirrung einhergeht. Stehe vor dem SUB (Stapel ungelesener Bücher); und kein Funke springt über. Empfinde eher Qual denn Lust, mich auf ein Buch einzulassen. Begann gestern Abend Christa Wolfs Tagebuch Ein Tag im Jahr. Der Nebel draußen paßt wunderbar zum inneren fehlenden Durchblick.

#1815

Samstag, Oktober 9th, 2010

Ich habe mich nie für Currywurst interessiert. Nun gibts in Leipzig aber zwei neue Imbisse, zum einen ein Ableger einer berühmten Berliner Wurstbraterei am Südplatz, wo sowieso eine meiner bevorzugt frequentierten Kneipen (Louise) steht; und zum anderen in Paunsdorf. Ab Dienstag habe ich Urlaub und kann auf die Pirsch gehen…

#1773

Dienstag, September 7th, 2010

Mein sprachliches Sensorium wird stets milde gestimmt, wenn jemand noch “buk” oder “frug” sagt. Dagegen schrillen, auch wenn es leider noch so oft zu hören ist, die Alarmglocken bei “einzigster”, “Insofern - weil / daß” u.a. Bei unseren Zweibettzimmern sprechen die Kolleginnen nicht unbedingt selten auch vom hintersten oder vordersten Bett. Ergo, lieber veraltete Formen, die ein wohltuendes Gefühl sprachlicher Nostalgie heraufbeschwören, als solche Faux pas, die unausrottbar scheinen. Gerne auch das Dativ-e oder solche arabesken Ausdrücke wie “Es dünkt mich, daß…”, “Gehe ich recht in der Annahme” im grauesten Alltagsmiteinander.

#1771

Dienstag, September 7th, 2010

Auf unserer internistischen Station sind wir Patienten gewöhnt, die alt sind, multimorbid, die regelmäßig wiederkommen. Normale Leute. Die Hochgebildeten gehen sicherlich in die Universitätsklinik. Bei uns, Einzugsbereich Grünau, Großzschocher, Lindenau usw., dominiert das kleine Volk. Und auf einer Inneren nochmals ein Tick älter und kränker. Ginge ich durch die umliegenden Seniorenheime, würde ich sicherlich händeschüttelnd einen Großteil der Heimbewohner begrüßen können. Um so aufregender, wenn mal ein Patient kommt, der ein bißchen aus der Rolle fällt: 35 Jahre, volltrunken, erst aus dem Maßregelvollzug entlassen, mit amputiertem Bein (Unfall). Aufregend auch, weil sofort stereotype Reaktionen seitens des Pflegepersonals einsetzen. Betrunkene genießen bei ihm selten Wohlwollen. Die rangieren in der Beliebtheitsskala in einem Krankenhaus ganz, ganz weit unten. Und kombiniert mit dem Status eines Knastbruders hat es ein Patient gleich ganz verschissen.

#1752

Sonntag, September 5th, 2010

Letzte Nacht träumte ich von Frank Walther Steinmeier. Er war auf in mein privates Umfeld geraten und benahm sich so abgefahren und lässig, daß ich mir die Diskrepanz zum sonstigen Erscheinungsbild nicht erklären konnte, mir jedoch vornahm, diese meine Erfahrung allen kundzutun.

#1751

Sonntag, September 5th, 2010

Heute vergaß ich meinen Einkaufsbeutel an der Straßenbahnhaltestelle vorm Leipziger Hauptbahnhof. Ich hänge Taschen und Beutel immer ans Geländer zur Straße hin. Einige Haltestellen später bemerkte ich den Verlust und fuhr postwendend zurück. Der Beutel hang noch da. Entweder sind die Leipziger zu faul oder zu ehrlich. Wer diese Großhaltestelle kennt, weiß um den Trubel, der dort fast immer herrscht. Leider gelang es mir nicht rechzeitig den Fotoapparat herauszuholen, als ein sehr, sehr betrunkener Mann, zirka 25 Jahre alt, mitten am Gleis seine Shorts herunterzog und zu pinkeln begann. Als ich die Kamera endlich herausgefummelt hatte, war die Bahn schon um die Ecke gebogen.

#1749

Sonntag, September 5th, 2010

Daß ich gestern bei Aldi fälschlicherweise, statt zum scharfen Senf zu greifen, den mittelscharfen erwischte, versaute mir zwar nicht komplett den Tag, darf aber als Indiz für die Tendenz betrachtet werden, die diesem Tag anhaftete. Und Leute, die mich kennen, wissen, daß ich von solchen Senferlebnissen täglich zu berichten hätte.

#1666

Montag, August 30th, 2010

Ich kenne viele Modi des Unwohlseins. Die Kombination ‘ausgeschlafen, physisch aber noch erschöpft und nach so vielen Diensten äußerst mangelhaft regeneriert zu sein’ ist ungewohnt für mich; ein komisches Gefühl. Normalerweise - aber was ist hier normal - trage ich immer ein bestimmtes Quantum Schlafdefizit hinter mir her, während ich physisch ausgeruht bin. Sobald ich viele freie Tage habe oder Urlaub, spaltet sich mein Schlaf in zwei Phasen auf: von ca. 2 Uhr bis 8 Uhr und nachmittags nochmals zwei Stunden. Der Nachteil ist, daß ich mich bis nach der zweiten Phase immer wie im Jetlag fühle, also nie ganz wohl, sondern körperlich immer suboptimal. Heute ist es anders, weil ich 3mal geschlafen habe und nun ziemlich wach bin, aber eben noch durch die wenigen freien Tage und die anstrengenden Arbeitstage der letzten 3 Wochen unerholt und erschöpft. Ja, ein merkwürdiges Gefühl.