Archive for the ‘Tagebuch’ Category

#1566

Donnerstag, Juli 29th, 2010

“Ich weiß, warum Albin eigentlich nichts arbeitet: es fällt ihm zuviel ein”. Dieser Satz aus Arthur Schnitzlers Erzählung “Er wartet auf den vazierenden Gott” spiegelt, abgewandelt, mein Dilemma wider. Vor lauter Ideen am Computer komme ich nicht zum Lesen und werde ständig abgelenkt und unterbrochen. Ein Stakkato von Einfällen und Vorhaben, dem ein Mensch mit mehr Widerstandskraft sich womöglich entziehen könnte. Ich aber nicht. Die Zerfaserung der Aufmerksamkeit erweist sich mehr und mehr als Problem, das man so nicht stehen lassen kann und sollte, ist doch langfristig die komplette Lesefähigkeit in Gefahr. Einmal verhunzt, wäre sie wohl nur mühsam wiederherzustellen. Die einzig richtige und notwendige Konsequenz, die ich aus der erkannten Gefährdung zu ziehen hätte, bestünde darin, den Netzstecker zu ziehen - das stringente Ausschalten schädlicher Noxen während des Lesens! Den Websüchtigen erkennt man an der Scheu, diesen Schritt zu wagen. Es fehlt der Zugriff auf Informationen, die bei der Lektüre eventuell gebraucht werden könnten. Die Vorstellung, abgeschnitten zu sein vom Netz, schafft ein Unbehagen, welches irrational erscheint, wenn ich bedenke, daß ich ehedem wunderbar ohne virtuelle Krücken zurande kam und weiterhin käme, wenn ich dies mir eingestände. Die Droge Internet und Web 2.0., derer ich bedarf, wirkt stark und steht dem Willen, mehr, konzentrierter und nachhaltiger zu lesen, bislang noch entgegen. Der Entzug scheitert an meiner zerfledderten Willenskraft.

#1498

Montag, Juli 26th, 2010

“Immer wenn mein Vater das Mitleid bekam, das er suchte, wurde er schroff und bizarr.” (John Updike: Der Zentaur) - Als ich diesen Satz las, dachte ich sofort an mich selbst, der einen ähnlichen paradoxen Reflex kennt. Einerseits lechzt man nach Nähe und Verständnis; andererseits weiß man, widerfahren sie einem, wenig damit anzufangen, kann nicht adäquat, d.h. natürlich darauf reagieren. Flüchtet sich in Unbeholfenheiten, Zynismus, Muffeligkeit und brüskiert die Mitmenschen, die partout nicht verstehen können, wie diese einfachen Gesten der Empathie scheinbar auf Granit stoßen. Mich macht Lob durch Kollegen oder Chefs einfach erst Mal verlegen. Das durchstößt den Panzer, den man um sich aufgerichtet hat. Und die vermeintliche Schutzlosigkeit sieht man als Gefahr.

#1450

Sonntag, Juli 25th, 2010

So schlimm und beklagenswert jeweils die Todesopfer von Katastrophen sind, so sehr fühle ich mit den in den Nachrichten meist als Anhängsel folgenden Verletzten. Denn sie leben weiter. Und oft ein Leben lang mit schweren Einschränkungen. Schwere Schicksale, die dahinter stehen. Wenn man wochen- und monatelang auf einer Intensivstation liegt oder wochen-, monate- oder jahrelang im Wachkoma, wenn man nach schwersten Verletzungen eine Odysee an Heil- und Rehabilitationsmaßnahmen zu absolvieren hat, wenn man, von einer Minute auf die andere, aus seinem Lebenskonzept geworfen wird und ein Leben zu führen hat, das man nie gewollt hat, das man sich nie hat auch nur vorstellen können. Deshalb bei solchen Katastrophen immer auch der Blick auf die “Nebenschäden”, auf die Angehörigen, die mit Schwergeschädigten umgehen müssen, deren Leben ebenso betroffen ist. Pläne werden zunichte. Not tritt zutage. Es sind oft Helden, die aus den Schicksalsschlägen entstehen und denen einmal ein Lob gesungen werden muß!

#1396

Donnerstag, Juli 22nd, 2010

Bei den unglaublichen und erschütternden Vorgängen auf Ameland frage ich mich, woher soll denn der Optimismus kommen, dessen Fehlen mit so häufig zur Last gelegt wird. Der Satz “Die Großen ärgern uns” hätte mich als Erzieher nie und nimmer in Richtung sexueller Mißbrauch gelenkt. Ich war als Kind und Jugendlicher alljährlich auf Gruppenfahrten, und die Klage “Die Großen ärgern uns” gehörte zum Grundtenor des Sich-Wehrens gegen normale Kappeleien unter Kindern unterschiedlichen Alters. ABER. Sollte es tatsächlich so sein, daß gegenüber Erziehern von “Fisting” gesprochen wurde, kann ich nicht glauben, daß hier völlige Ahnungslosigkeit geherrscht habe. Selbst wenn man nicht wüßte, daß ein sexuelle Praxis dahinter steht, steht die Faust per se für etwas, was Gewalt vermuten läßt bzw etwas, was jenseits einer friedlichen Handarbeitstechnik angesiedelt sein könnte. Es gibt so furchtbare Dinge in der Welt, im Großen, wie Krieg, Hunger, Terror, denen wir eher hilflos gegenüberstehen, daß es dann um so mehr schmerzt, wenn in den Bereichen, im Kleinen, derartiges vermeidbare Exzesse vorkommen wie Kindesmißhandlungen, Gewalt in der Familie, in Gruppierungen u.v.m.

#1173

Dienstag, Juli 20th, 2010

Der Ganzkörperschleier (Burka) raube den Frauen jede Individualität, meint Alice Schwarzer. Klingt gut und entspricht auch intuitiv meinem Freiheitsbegriff. Denke ich aber nach, frage ich mich, warum die Individualität eines Menschen von der Sicht eines außenstehenden Menschen definiert werden soll. Das ist Unsinn. Die Individualität ist dem Inhaber eigen und unabhängig von dem, was er anhat oder nicht anhat.

#1326

Freitag, Juli 16th, 2010

Lektürestatus momentan eher disparat. Die während der Spätdienste sowieso beeinträchtigte Lesemöglichkeit wurde durch die Hitzeperiode quasi auf 0 reduziert, sprich, ich las während der letzten Woche so gut wie nicht. Den ersten Teil der “Serapionsbrüder” von E.T.A. Hoffmann schloß ich gestern ab. Wenn ich Schauerliteratur lesen möchte, greife ich zu Hoffmann oder Poe. Das hat sich so eingespielt, das bleibt so. Mittlerweile ist vieles schon Zweit- oder Drittlektüre, was den Genuß ob des Wiederkennens, ja Wiederschmeckens verstärkt. Heute begann ich “Durchsichtige Dinge” von Vladimir Nabokov. Zwei Jahre las ich ihn nicht. Nach den ersten Seiten klappt mir der Unterkiefer herunter. Habe ich eine Nabokov-Perle erwischt oder habe ich mich seinem Stil schon so weit entwöhnt, daß es mir nun wie ein erstes Aufeinandertreffen vorkommt? Bin gespannt, ob sich die Stärke der ersten Seiten erhält.

#1280

Freitag, Juli 9th, 2010

Der Chefarzt heute während der Visite zu unserer neuen Stationsärztin: “Und wenn literarisches Spezialwissen vonnöten sein sollte, wenden Sie sich vertrauensvoll an Pfleger Markus.” Auf die Frage an eine hochbetagte Patientin, wer denn der Bundeskanzler sei, antwortete diesem ihm: “Helmut Kohl”. Und als die Frage auftauchte, wann Kohl denn an die Macht gekommen sei, wußte man es gemeinhin nicht. Wir beiden weisen Alten lächelten uns einvernehmlich zu. Jungvolk anwesend, garantiert Unwissen. Der Chefarzt drohte damit, künftig Geschichtsfragen anhand der Geburtsjahrgänge der daliegenden Patienten zu stellen.

#1181

Freitag, Juli 2nd, 2010

“Die Eleganz der Madame Michel” ist die Verfilmung des französischen Bestsellers von Muriel Barbery, “Die Eleganz des Igels”. Das Buch las ich in dieser Woche, den Film schaue ich jetzt an. Ein seltenes Ereignis, wenn Lektüre und cineastische Entsprechung so nahe beiander liegen, eine interessante ästhetische Erfahrung. Die Geschichte weist ja insofern durchaus bibliomane Züge auf, als die Concierge Madame Michel ein Doppelleben führt. Nach außen hin die etwas rüde, unnahbare Hausverwalterin, innen die belesene, kunstverständige Frau, die ihr geheimes Dasein abschottet. Bis ein neuer Mieter sie knackt und sie erfährt, daß ihre Geheimniskrämerei nicht sein muß, wenn es jemanden gibt, mit dem man kommunizieren kann.

#1118

Freitag, Juni 25th, 2010

Gestern Nacht fand ich auf dem Heimweg von einem Umtrunk im Biergarten die neue Ausgabe der Wochenzeitung DIE ZEIT. Seit bestimmt mehr als 10 Jahren habe ich keine Zeitung mehr gelesen, von sporadischen Versuchen mit der LVZ während der Pausen auf Station einmal abgesehen. Mich erstaunte, wie anders es war, die Artikel zu lesen. Ich habe vergessen, welches Feeling, welch haptisches Erlebnis es ist, einen solchen Koloß von Wochenzeitung zu bändigen. Allein schon das Umschlagen der Seiten, die Kontrolle, welche Artikel einem fehlen, welche man auslassen wird, welche man später lesen möchte… Was mich bei dieser Sache am meisten überraschte, ist, wie unterschiedlich die Lektüre wirkt. Im Lauf der Jahre habe ich mich an die alleinige Rezeption von Online- Texten gewöhnt und die Überzeugung gewonnen, daß sie deckungsgleich mit der Offline-Variante wäre und es keine Rolle spiele, zu welcher man greife. Das stimmt so nicht. Wenn ich einen längeren Artikel in der Zeitung lese, die ich aufgeschlagen halte, fällt das Mäandern weg, das sich unwillkürlich einstelllt, wenn man etwas am Bildschirm verfolgt. Papierzeitungen lesen ich linear. Am Bildschirm ist die Ungeduld weit größer, springe ich hin und her, folge ich Links, kehre zurück, überspringe viel schneller eine Passage, abstrahiere ich zügiger usw. Die gebündeltere Aufmerksamkeit beim Lesen bescherte mir gestern Nacht ein bedenkenswertes Erlebnis, welches insofern von Bedeutung sein könnte, als sich die Erkenntnis, herkömmliches, lineares Lesen sei auch bei der Lektüre der Zeitung ein qualitativer Zugewinn, unter Umständen viel regelmäßiger im Kauf eines Blattes auswirken sollte. Ich sollte nicht warten, bis der Zufall mir wieder liegen gebliebes Material beschert.

#1040

Sonntag, Juni 20th, 2010

Eine meiner Antworten innerhalb meiner Facebook-Gruppe Vielbücherei im Thread über E-Books: Was mich vorerst von dem Gedanken abhält, ein elektronische Lesegerät welcher Couleur auch immer zu kaufen, ist die Unlust, mich mit Sachen wie Akku-Aufladen usw. zu beschäftigen. Ich hasse Akkus, und die ständige Pflicht, vielmehr Angst, sie könnten schon wieder nicht ausreichen, stellt sich in noch unvorteihafterem Licht dar, wenn ich mir vor Augen halte, wie einfach man mit einem Buch umgeht. Aufschlagen und loslesen. Sehr wahrscheinlich spielt auch die Erfahrung mit, daß ich mit elektrischen und elektronischen Kleingeräten in meinem Leben andauernd vom Pech verfolgt war. Erst gingen mir damals die Walkmen en masse kaputt, jetzt die mp3-Player, so daß ich mich einfach nicht der Gefahr ausgesetzt sehen will, Nerven und Zeit mit technischen Querelen der Wartung und Bedienung zu strapazieren, die dadurch ganz simple zu vermeiden sind, daß ich bei dem bleibe, was ich kenne und liebe: dem stinknormalen und doch so bewunderungswürdig genialem Papierbuch.