Archive for the ‘Literatur’ Category

#1772

Dienstag, September 7th, 2010

Ich habe mir vorgenommen, die Beobachtung der Perlentaucher-Rezensionen nicht mehr so lasch und nachlässig zu handhaben und jeden Tag mindestens 2 Tage abzuhandeln, so daß ich spätestens in einem Jahr auf der Höhe der Zeit angekommen sein sollte. Von Brigitte Kronauer nie was gelesen. Ihr jüngster Roman Zwei schwarze Jäger scheint als Einstieg weit weniger geeignet zu sein als der gelobte Band mit Prosaminiaturen Die Kleider der Frauen. Dieser wandert also auf die Leselisten; und nach einer eventuellen Lektüre sehen wir weiter. - Nicholas Boyles Kleine deutsche Literaturgeschichte wird in den Rezensionen ziemlich gelobt und könnte als Einstiegsdroge für junge Leser als Empfehlung im Auge behalten werden.

#1770

Montag, September 6th, 2010

Heute den 1. von 7 Spätdiensten gehabt, eben nach Hause gekommen. Seit heute den Roman Kürzere Tage von Anna Katharina Hahn in der Mangel (Stand: S. 84 von 222). Lasse mich von ihm regelrecht in den Bann ziehen, wobei mir noch nicht klar ist, was genau mich zu fesseln vermag. Milieugeschichten zweier Frauen & Familien in einem wohlbehüteten Stuttgarter Vorort. Je zwei Kinder. Die eine Frau ist der Waldorfpädagogik verpflichtet und erfreut sich rundum an ihrem gut eingerichteten Leben; die andere ist selbst Businessfrau und neidisch auf die Supermütter, die nicht zwischen Büro und Kindergarten hin- und herzuhetzen brauchen. Ein Konflikt bahnt sich an - ein Jugendlicher wird wohl diese wohlgesetzte Ruhe aufmischen. Sehr schönes Buch bisher. Die vorangegangene Lektüre war Thomas Klupps Paradiso, ein Tag im Leben eines Filmstudenten, der auf dem Weg zum Münchener Flughafen durchs Trampen in seine Heimatstadt Weiden gerät und jede Menge Leute trifft, alte Bekannte, enge Freunde, verflossene Lieben. Showdown ist ein Drogenexzess im Wald. Der Protagonist, keineswegs der strahlende Held, eher durch seine charakterlichen Mängel der Negativtyp, läßt sich durch seine Fehler und Mißerfolge nicht aus der Bahn werfen, sondern frönt einem Optimismus, der die Sicherheit mit sich bringt, daß letztes alles gut wird, alle irgendwie cool und tolle Typen sind und alles gar nie so schlimm ist, wie es anfangs scheint. Den Drang, sich zu verbessern, seine Lügengeschichten zu überwinden, spürt er zwar, er sieht, welches Chaos er um sich herum anrichtet, glaubt aber letztlich an eine Selbstregulation und schlittert prompt ins nächste Fettnäpfchen. Nun ja, ein Buch, das man lesen kann, ein Roadmovie, der verfilmt vielleicht besser aufgehoben wäre. Möglicherweise ist dem Autor diese Option nicht ganz unwillkommen.

#1748

Sonntag, September 5th, 2010

Aktuelle Lektüre seit gestern Nachmittag: Paradiso von Thomas Klupp. Vorher las ich Eine von vielen Möglichkeiten, dem Tiger ins Auge zu sehen von Bernd Lichtenberg, sein Debüt als Literat, wenn man davon absieht, daß er schon Drehbücher schrieb und mit dem für Good bye, Lenin einen ziemlichen Coup landete. In dem Buch befinden sich Kürzestgeschichten bzw. Prosaminiaturen, die durch eine geschliffene Sprache glänzen und vor skurrilen Einfällen nur so strotzen, die mal realistisch daherkommen, dann wieder das surrealistische Sujet bedienen. Familie wird groß geschrieben, sie ist der hauptsächliche Fokus der Geschichten Lichtenbergs. Einer heilen Welt begegnen wir nicht. “Meinen Vater, als er an einem außergewöhnlich schönen Spätsommerabend fröhlich pfeifend nach hause kam, das Zischeln der vorgärtlichen Bewässerungs- und Kühlungsmaschinerie wohltuend im Ohr, befiel jäh die Ahnung, daß jener Friede nur ein vorgetäuschter war und sich unsere Familie am Rande eine Abgrundes bewegte.” Im Prinzip schreibt der Autor Mininovellen und etabliert damit sozusagen ein Subgenre.

#1747

Sonntag, September 5th, 2010

Beim Perlentauchen fallen mir einige Bücher und Autoren auf. In Rumänien veröffentlicht Mircea Cartarescu seit 32 Jahren Bücher, zunächst lange Jahr Gedichtbände. Hier im Westen sorgte er mit seinem Roman Die Wissenden für Furore. Als Einstieg könnte der Erzählband Warum wir die Frauen lieben dienen, der als weniger düster und schwer eingeschätzt wird.

#1633

Dienstag, August 17th, 2010

Literatur-Nobelpreisträger Günter Grass lehnt es bisher ab, dass seine Bücher auf Computern gelesen werden. Damit verweigert er sich eindeutig einem Trend.

#1564

Donnerstag, Juli 29th, 2010

Neben dem Auftrag des Arztes, Krankheiten zu heilen (curare), ist ein zweiter nennenswert: Leiden zu lindern, etwas, das die Palliativmedizin leistet. “Neben all ihren Errungenschaften hat die Medizin im Laufe der letzten fünfzig Jahre beängstigende und grausame Schicksale hervorgebracht, in die Menschen ohne sie nie geraten wären, weil sie zuvor eines natürlichen Todes gestorben wären.” Ein gedankenreicher, diskussionswürdiger Artikel zur Suizidassistent in Deutschland. “Palliativmedizin und ärztlich assistierter Suizid verhalten sich eben nicht antagonistisch, sondern komplementär zueinander. Ich würde sogar so weit gehen, zu behaupten, dass auch der ärztlich assistierte Suizid zu einer äußersten Maßnahme palliativer Medizin werden kann.” Der Autor des ZEIT-Artikels, Michael de Ridder, selbst Palliativmediziner und Chefarzt einer Rettungsstelle in Berlin, hat unter dem Titel Wie wollen wir sterben? Ein ärztliches Plädoyer für eine neue Sterbekultur in Zeiten der Hochleistungsmedizin ein Buch zu diesem Thema geschrieben.

#1398

Donnerstag, Juli 22nd, 2010

Stefan Andres, Bestsellerautor in den 50ern, ist ein vergessener Autor. Kurioserweise kenne ich ihn, weil er Lehrinhalt war, als ich von 1986 bis 89 ein katholisches Studienkolleg besuchte. Wir lernten die, aus katholischer Sicht, bedeutsamen Autoren kennen: Reinhold Schneider, Georges Bernanos, Werner Bergengrün. An Mauriac kann ich mich nicht erinnern. Ihn entdeckte ich IIRC später. Ich bin gespannt, ob jemals einer von den von mir als “vergessene Autoren” Bezeichneten literarisch wiederentdeckt werden wird. Auf diese Notiz brachte mich das Buch Carpe Diem. Mein Leben mit Stefan Andres von Dorothee Andres, das letztes Jahr bei Bouvier erschien.

#967

Mittwoch, Juni 16th, 2010

In Wohin mit Vater? sehr viele bedenkenswerte Fakten und Aspekte, die zum Nachdenken einladen. Die Zeit, in der man Sorge um seine alten Eltern wird tragen müssen, ist oft genau die Periode im Leben der Kinder, in der diese selbst gedachten, die Früchte einzusammeln, kürzer zu treten, die Füße vom Gas zu nehmen. Wenn der Großteil der Karriere gelaufen ist, wenn man in ruhigere Fahrwasser kommt, aber physisch und psychisch noch so fit und frisch ist, die Ernte einzufahren, kommt möglicherweise der große Einschnitt, die Belastung, sich um die alten und pflegebedürftig gewordenen Eltern kümmern zu müssen. Kraft, Zeit, Nerven und Geld zu investieren. Eine verfluchte Situation, die man eigentlich hätte antizipieren sollen, ist sie doch nicht neu. Absehbarer ist weniges im Leben als Altern, Sterben und Tod. Und doch ein Tabu. In dem Buch, in dem sich der Sohn (gemeinsam mit der Schwester) nach dem plötzlichen Tod seiner Mutter um die Absicherung der Pflege des 86-jährigen Vaters kümmern muß, benennt er dieses Tabu als eines der größten unserer Gesellschaft. Daß die Vorsorge, wenn überhaupt, seitens der Eltern klammheimlich erfolgte und sich auf die praktischen Dinge beschränkte, daß man im persönlichen Gespräch diesem Thema stets auswich, es auf später vertagte. - Man wolle sich doch diesen schönen Abend nicht versauen! Sohn und Tochter kommen vom Regen in die Traufe. Die Suche nach einem geeigneten Pflegeheim scheitert an Zuständen wie Doppelzimmer, Geruchsterror (Urin, Desinfektionsmittel), Entpersönlichung (Wohnatmossphäre, Möblierung) oder den hohen Kosten. Auch die unvermeidliche Gallionsfigur im Kampf um eine bessere Pflege in Deutschland, Claus Fussek, kommt vor. Neben diesen auf die Praxis ausgerichteten Erwägungen sind die anderen nicht weniger beklemmend und bedenkenswert. Das Verhältnis der Kinder zu ihren Eltern ist mit Beginn der Pubertät davon geprägt, Distanz zu gewinnen, die bis zu dem neuralgischen Zeitpunkt anhält. Wenn nämlich die Eltern Hilfe brauchen, schmilzt jene Distanz wieder, müssen Räuem überwunden werden, sind Fragen plötzlicher Nähe und Intimität aktuell. Zum Beispiel: Wie Scham gegenüber den eigenen Kindern überwinden? Übrigens heißen diejenigen Menschen, die sich bei der Pflege von Familienangehörigen aufreiben, die ihre Kräfte verschleißen und sich buchstäblich kaputt machen, “Hidden patients”.

#476 Buchhinweise (6)

Donnerstag, April 29th, 2010

Der Ernst des Lebens. Und was man dagegen tun muss (PT; FAZ)
Aharon Appelfeld: Blumen der Finsternis (PT)
Günter Pursch: Das parlamentarische Schimpfbuch (PT; YT; BILD)
Kohl, Schröder, Merkel. Machtmenschen (PT)
Kultur um der Freiheit willen. Griechische Anfänge (PT; (DLF))
Junot Diaz: Das kurze wundersame Leben des Oscar Wao (PT)
Hansers Sozialgeschichte der deutschen Literatur. Band 9 (PT)
Teresa de la Parra: Tagebuch einer jungen Dame… (PT)
Noemi Kiss: Was geschah, während wir schliefen (PT)
Vladimir Zarev: Familienbrand (PT)
Wilhelm von Sternburg: Joseph Roth (PT)
Ralf Rothmann: Feuer brennt nicht (PT)
Wolfgang Hilbig Werke, Band 2 (PT)
Amelie Nothomb: Biografie des Hungers (PT)
Graf: Die Anfänge des Christentums (PT)
Reinkarnation. Weltgeschichte einer Idee (PT)
Klaus Merz: Der Argentinier (PT)
Karl Heinz Bohrer: Das Tragische (PT)
Tao Lin: Gute Laune (PT)
Illouz: Die Errettung der modernen Seele (PT)

#466 Buchhinweise (5)

Mittwoch, April 28th, 2010

Natascha Wodin: Nachtgeschwister (PT)
Thomas Stangl: Was kommt (PT)
E.M. Cioran: Werke (PT)
Martin Kohan: Zweimal Juni (PT; DLR)
Keller; Sharandak: Sofja Andrejewna Tolstaja (PT; DLR)
Stephen Fry: Feigen, die fusseln (PT; DLR)
Schöne Aussichten. Kleine Geschichte der Landschaft (PT; DLR)
Irene Nemirovsky: Feuer im Herbst (PT)
Erika Mann: Eine Lebensgeschichte (DLR)
Kazuo Ishiguro: Bei Anbruch der Nacht (PT; DLR)
Salvador Plascencia: Menschen aus Papier (PT; DLR)
Sofja Tolstaja: Eine Frage der Schuld (PT; DLR)
John Wray: Retter der Welt (PT; DLR)
Hanif: Eine Kiste explodierender Mangos (PT; DLR)
Hubert Lampo: Die Ankunft des Joachim Stiller (DLR)
Typen und Stereotypen: Die Geschichte des Vorurteils (DLR)
Zyta Rudzka: Doktor Josefs Schönste (PT; DLR)
Géza Ottlik: Die Schule an der Grenze (PT; DLR)
Antonio di Benedetto: Zama wartet (PT; DLR)
Peter Guralnick: Sweet Soul Music (PT; DLR)