Archive for the ‘Lektürenotizen’ Category

#1820

Sonntag, Oktober 10th, 2010

Brian Moores “Die einsame Passion der Judith Hearne” erinnert mich stark an Julien Greens “Mont-Cinere”. Diese Wucht an Leid, dieses schicksalhafte Dasein, diese Trostlosigkeit und Ödnis. Wähend bei Green der “Geiz” im Mittelpunkt steht, der Menschen grausam gegeneinander werden läßt, ist hier eine einsame, alternde Jungfer, die außerdem noch ihr Leid wegtrinkt, eine komische Figur, wie auch alle anderen finden, die sich über sie lustig machen. Mrs. Hearne derweil leidet und stolpert immer mehr dem Endpunkt ihres verhängnisvollen Schicksals entgegen. Ja, beide vor Trostlosigkeit triefenden Bücher bieten kein Entkommen. Es ist absehbar und doch spannend, das Scheitern zu verfolgen. Gleichzeitig kann man bei der Lektüre sein Mitleid schulen und sich immer freuen, daß man dieses Ausmaß ab absehbarem Untergang noch nicht erreicht hat. Schadenfreude also auch.

#1790

Mittwoch, Oktober 6th, 2010

Für mich als Ossi sind auch die Bücher interessant, in denen Westdeutschland vor 1989 im Fokus steht. Das Leben dort kannten wir nur aus den Nachrichten und den Reportagen, z.B. “Kennzeichen D”. Deshalb prickelt es bei der Lektüre von Büchern, die bis tief in die Nachkriegsjahre zurückreichen oder die sich in den 60er und 70er breitmachen, die man als 1966 Geborener selbst nicht allzu bewußt bzw. breitfächrig miterlebt hat. Sven Regeners Trilogie (Herr Lehmann, Neue Vahr Süd, Der kleine Bruder) soll als Beispiel genannt werden. Und nun lese ich Jochen Schimmangs Das Beste, was wir hatten, wo ebenfalls ganz viel Bonner Republik vorkommt, aber retrospektiv; denn die Ereignisse der politischen Veränderungen nach 1989 bilden das Movens dieses Buches.

#1780

Freitag, September 10th, 2010

Zeit des Wartens von Valeria Parrella umfaßt schmale 127 Seiten. In Italien wurde die 36-jährige Autorin seinetwegen gefeiert. Im Mittelpunkt steht eine 42-jährige Mutter und Abendschullehrerin, die um das Leben, das Überleben ihres mit 6 Monate arg zeitig geborenen Frühchens zittern muß. Mit stellenweise sehr gelungenen und zu Herzen gehenden Momentaufnahmen ist dieses Büchlein ordentlich lesbar. Besonders die Konfrontation mit der professionellen Seite, den Ärzten und Pflegenden, ist reizvoll. Parallell ein in der Berufswelt der Mutter angesiedelter Handlungsstrang - die Abendschule mit ihren Existenzen, oft Ausländern oder Bildungsversagern. Die Sprache nüchtern; die Angst der Mutter um ihre Tocher scheint hindurch. Die etwas verschrobene Solidargemeinschaft der Mütter, die tagtäglich auf der Intensivstation der Neonatologie weilen, zwischen Technik, Monitoren, Schläuchen und ihren zarten Kindern. Immer wieder wird ihnen seitens der Ärzte und Hoffnung Hoffnung eingetrichtert. Eine technisch bestens funktionierende Welt mit eben noch kaum “funktionierenden” Frühgeborenen samt ihren emotional gebeutelten Müttern.

#1779

Freitag, September 10th, 2010

Kürzere Tage von Anna Katharina Hahn zog mich in seinen Bann. Milieugeschichten zweier Frauen Familien in einem wohlbehüteten Stuttgarter Vorort. Je zwei Kinder. Ein altes Ehepaar mit Hund. Ein Junge, dem Geborgenheit fehlt, dessen Mutter lieber mit ihrem brutalen Geliebten rummacht, der das Kind schlägt und jahrelang peinigt. Die eine Frau ist der Waldorfpädagogik verpflichtet und erfreut sich scheinbar ihres gut eingerichteten schattenloses Lebens. Die andere ist Businessfrau und neidisch auf die Supermütter, die nicht zwischen Büro und Kindergarten hin- und herzuhetzen brauchen. Marco, der 13-jährige Jugendliche will ausbrechen und zündelt einen Türkenladen an, der Treffpunkt aller Anwohner der Siedlung ist. Beide Frauen kenne sich, treffen aufeinander. Das Glück, das die Walddorfmutti der Businessmama vorspielt, ist sehr bröselig. Ihre blaue Dose im Hängeschrank enthält Tavor und andere Glücklichmacher und Angstkiller, denen sie seit ihrer Jugend verfallen ist. Nur weiß das keiner, nicht einmal ihr so erfolgreicher Professorenmann. Die Ehemänner sind in Hahns Buch eher Staffage. Sie bleibt lieber beim Alltag der Frauen. Auch der alten Frau Posselt, die eines Morgens mühsam ihr Tagewerk beginnt und nach allerhand Verrichtungen feststellen muß, daß ihr Mann tot im Bett liegt. Anschließend erleben wir Leser eine Lehrvorführung in der traditionellen Versorgung der Verstorbenen. Der Nichtschwabe erfreut sich der durch die Autorin eingestreuten dialektalen Sprengsel; der Schwabe selbst düfte sie ja kaum bemerken.

#1777

Dienstag, September 7th, 2010

Weiter mit Kürzere Tage (Amazon). Die Geschichte gewinnt an Fahrt. Beide Frauen treffen aufeinander. Das Glück, das die Walddorfmutti der Businessmama vorspielt, ist sehr bröselig. Ihre blaue Dose im Hängeschrank enthält Tavor und andere Glücklichmacher und Angstkiller, denen sie seit ihrer Jugend verfallen ist. Nur weiß das keiner, nicht einmal ihr so erfolgreicher Professorenmann. Stand: Seite 103 von 222. Gleich gehts zu Spätdienst 2/7. Lektüre auf den Arbeitswegen möglich und erwünscht; allerdings wird das Quantum heute eher kläglich ausfallen. Ich habe mir ja vorgenommen, öfter, mehr und zeitnaher von meiner Lektüre zu berichten.

#1770

Montag, September 6th, 2010

Heute den 1. von 7 Spätdiensten gehabt, eben nach Hause gekommen. Seit heute den Roman Kürzere Tage von Anna Katharina Hahn in der Mangel (Stand: S. 84 von 222). Lasse mich von ihm regelrecht in den Bann ziehen, wobei mir noch nicht klar ist, was genau mich zu fesseln vermag. Milieugeschichten zweier Frauen & Familien in einem wohlbehüteten Stuttgarter Vorort. Je zwei Kinder. Die eine Frau ist der Waldorfpädagogik verpflichtet und erfreut sich rundum an ihrem gut eingerichteten Leben; die andere ist selbst Businessfrau und neidisch auf die Supermütter, die nicht zwischen Büro und Kindergarten hin- und herzuhetzen brauchen. Ein Konflikt bahnt sich an - ein Jugendlicher wird wohl diese wohlgesetzte Ruhe aufmischen. Sehr schönes Buch bisher. Die vorangegangene Lektüre war Thomas Klupps Paradiso, ein Tag im Leben eines Filmstudenten, der auf dem Weg zum Münchener Flughafen durchs Trampen in seine Heimatstadt Weiden gerät und jede Menge Leute trifft, alte Bekannte, enge Freunde, verflossene Lieben. Showdown ist ein Drogenexzess im Wald. Der Protagonist, keineswegs der strahlende Held, eher durch seine charakterlichen Mängel der Negativtyp, läßt sich durch seine Fehler und Mißerfolge nicht aus der Bahn werfen, sondern frönt einem Optimismus, der die Sicherheit mit sich bringt, daß letztes alles gut wird, alle irgendwie cool und tolle Typen sind und alles gar nie so schlimm ist, wie es anfangs scheint. Den Drang, sich zu verbessern, seine Lügengeschichten zu überwinden, spürt er zwar, er sieht, welches Chaos er um sich herum anrichtet, glaubt aber letztlich an eine Selbstregulation und schlittert prompt ins nächste Fettnäpfchen. Nun ja, ein Buch, das man lesen kann, ein Roadmovie, der verfilmt vielleicht besser aufgehoben wäre. Möglicherweise ist dem Autor diese Option nicht ganz unwillkommen.

#1748

Sonntag, September 5th, 2010

Aktuelle Lektüre seit gestern Nachmittag: Paradiso von Thomas Klupp. Vorher las ich Eine von vielen Möglichkeiten, dem Tiger ins Auge zu sehen von Bernd Lichtenberg, sein Debüt als Literat, wenn man davon absieht, daß er schon Drehbücher schrieb und mit dem für Good bye, Lenin einen ziemlichen Coup landete. In dem Buch befinden sich Kürzestgeschichten bzw. Prosaminiaturen, die durch eine geschliffene Sprache glänzen und vor skurrilen Einfällen nur so strotzen, die mal realistisch daherkommen, dann wieder das surrealistische Sujet bedienen. Familie wird groß geschrieben, sie ist der hauptsächliche Fokus der Geschichten Lichtenbergs. Einer heilen Welt begegnen wir nicht. “Meinen Vater, als er an einem außergewöhnlich schönen Spätsommerabend fröhlich pfeifend nach hause kam, das Zischeln der vorgärtlichen Bewässerungs- und Kühlungsmaschinerie wohltuend im Ohr, befiel jäh die Ahnung, daß jener Friede nur ein vorgetäuschter war und sich unsere Familie am Rande eine Abgrundes bewegte.” Im Prinzip schreibt der Autor Mininovellen und etabliert damit sozusagen ein Subgenre.

#1637

Dienstag, August 17th, 2010

Hermann Hesses “Betrachtungen und Berichte” (in den ‘Sämtlichen Werken’ umfassen sie 2 Bände) imponieren mir auch insofern, als sie mich ans moderne Bloggen erinnern. Seine Texte könnten heute gut und gerne auch als Blog erscheinen und Freunde und Leser anziehen. Es mischen sich Alltagserfahrungen, die reflektiert und mit gesamtgesellschaftlichen Erscheinungen in Beziehung gesetzt werden. Seine immer wieder eingestreuten Büchererwähnungen konfrontieren mich mit teils reizvollen unbekannten Autoren und Titeln wie z.B. Das verlorene Kind von Rahel Sanzara, das auch im Projekt Gutenberg verfügbar ist.

#1635

Dienstag, August 17th, 2010

Als Nebenlektüre - eine bei mir seltene Erscheinung - fungiert derzeit In der Stunde der Nacht. Eine Geschichte der Dunkelheit von A. Roger Ekirch. Samuel Pepys, dessen Komplettausgabe der Tagebücher gerade als editorische Glanzleistung vielerorts gefeiert wird, kommt in dieser Kulturgschichte des öfteren vor. Sehr spannende und (trotz des Themas) erhellende Lektüre. Wie sehr beispielsweise damals der Sternenhimmel leuchtete, wie wichtig das Mondlicht war, welchen Gefahren man sich ausgesetzt sah, welche Maßnahmen man dagegen ergriff. Jemandem “heimleuchten” stammt aus der vorindustriellen Zeit, als man Fackelträger mieten konnte, die einem den Weg (möglichst rasch nachhause) erhellten. Allerdings arbeiteten diese oft mir Räubern zusammen… Auf jeder Seite höchst wissenswerte Informationen. Ich liebe ja solche ‘Kulturgeschichten’; das Beste, was mir in diesem Sektor bisher unterkam ist die Kulturgeschichte des Essens und Trinkens der Autoren Gert von Paczensky und Anna Dünnebier. Weitere Notizen zur Lektüre des ‘Nachtbuches’ fortlaufend in den Miszellen.