Archive for the ‘BibFAB’ Category

#1914

Sonntag, Oktober 24th, 2010

“Ihr unbekümmerter Mut. Ihr inständiges Räsonnieren. Ihre schwerelose Phantastie. Und ihr beflissenes Mitleid mit Bedürftigen, Verstoßenen, Verfolgten: niemand entging ihrer Barmherzigkeit. All das erschwerte den Umgang mit ihr. Die trotz der Jahre Last - sie war in Jacobs Alter - immer noch jugendlich anmutende Mutter von sieben Kindern, deren ungestillter Liebesdrang sich nicht nur in Briefen ergoß, fiel selbst ihren Freunden zur Last. Dahlmann und Gervinus beklagten ihr kaum zu überhörendes Wortgetümmel. Immerfort führte sie Beschwerde. Einerseits bewundert, galt sie andererseits als Nervensäge”. (Günter Grass: Grimms Wörter, S. 75)

#1911

Sonntag, Oktober 24th, 2010

Weiterhin werden diese neuen Technologien die menschliche Fähigkeit auf die Probe stellen, aus einer riesigen Auswahl einen echten Wert herauszufiltern; aber mit diesem Dilemma war der Mensch schon immer konfrontiert und hat es mit der Zeit stets gut gelöst. Das World Wide Web steht prinzipiell jedem Möchtegern- Schriftsteller offen, der vielleicht etwas zu sagen hat - oder auch nicht - und weiß, wie er es sagen muß. Mehrere literarische Websites, die bislang aufgetaucht sind, sind in Wirklichkeit nichts anderes als Selbstverlage, die ohne Rücksicht auf Qualität alles veröffentlichen, solange der Autor dafür zahlt. Es ist höchst unwahrscheinlich, daß aus diesem Mischmasch Werke von echtem Wert an den Tag kommen. Aber bewährte Talente werden an bestimmten Orten zusammenfinden, wie es schon immer gewesen ist. Wie gute Buchhandlungen werden qualitativ hochwertige Websites in der Folge Leser anziehen. Der Filter, der einen wahren Wert erkannt, ist eine Funktion der menschlichen Natur und nicht bestimmmter Technologien. (Jason Epstein: Vom Geschäft mit Büchern, S. 27)

#1910

Samstag, Oktober 23rd, 2010

Die Muttersprache zugleich reinigen und bereichern ist das Geschäft der besten Köpfe. Reinigung ohne Bereicherung erweist sich öfters als geistlos… der geistreiche Mensch knetet seinen Wortstoff, ohne sich zu bekümmern, aus was für Elementen er bestehe, der geistlose hat gut reinsprechen, da er nichts zu sagen hat. Wie sollte er fühlen, welches künstliche Surrogat er an der Stelle eines bedeutenden Wortes gelten läßt, da ihm jenes Wort nie lebendig war, weil er nichts dabei dachte? Es gibt gar viele Arten von Reinigung und Bereicherung, die eigentlich alle zusammengreifen müssen, wenn die Sprache lebendig wachsen soll. Poesie und leidenschaftliche Rede sind die einzigen Quellen, aus denen dieses Leben hervordringt, und sollten sie in ihrer Heftigkeit auch etwas Bergschutt mitführen, er setzt sich zu Boden und die reine Welle fließt darüber hin. (Johann Wolfgang von Goethe)

#1891

Mittwoch, Oktober 20th, 2010

Er [Reinhold Schneider] hat die Stunden, die er in Schmerzen verbrachte, beschrieben. Vieles, was er gesehen hat, ist aus der Perspektive des Leidenden gesehen, der allein in seinem Zimmer bleibt: Die Tür zur Terasse ist geöffnet, Eichhörnchen finden den Weg vom Garten über den Balkon bis zu seiner Bettstatt, zur Nuß, die er vorbereitet hat. Er kennt den Laut der Vögel, er horcht auf ihren Flügelschlag. Seine Blicke gehen über die Bücher, die an den Wänden des Raumes angeordnet sind. Welche dieser Bücher, fragt er sich, wird er noch einmal aufschlagen, welche sind bereits fern entrückt in den Schatten, in das Vergessen? Das Leid ist eine unsichtbare Wand, die ihn trennt von dem, was anderen wichtig ist. So begnügt er sich damit, sich erinnern zu erinnern, was hinter den mattschimmernden Bücherrücken früher einmal auf ihn gewartet hat und jetzt so fern liegt; nur weniges bleibt, das aber erhält ein besonderes Gewicht. Alles betrachtet er unter dem Blickwinkel des Todes, eines nicht gefürchteten, sondern ersehnten Todes. (Ida Cermak: Ich klage nicht. Begegnungen mit der Krankheit in Selbstzeugnissen schöpferischer Menschen, S. 31)

#1888

Mittwoch, Oktober 20th, 2010

Etwas ganz andres, woran vermutlich überhaupt kein Leser jemals denkt, kann dem Dichter zur Sorge und Plage werden, nämlich die Frage: Warum muß ich, allen meinen scheinbar ganz ursprünglichen Empfindungen zum Trotz, meine Gebilde, meine lieben Freuden- und Sorgenkinder, die Gespinste aus der besten Substanz meines Lebens, vor fremde Augen legen und zusehen, wie sie auf den Markt kommen, überschätzt und unterschätzt, belobt und bespien, geachtet oder mißbraucht werden? Warum kann ich sie nicht zurückbehalten, sie höchstens einem Freunde zeigen, ihre Veröffentlichung gar nicht oder erst nach meinem Tode zulassen? Ist es Ruhmsucht, Eitelkeit, Angriffslust oder unbewußte Lust am Angegriffenwerden, was mich dazu brachte, sie immer wieder, meine lieben Kinder, in die Welt hinaus zu schicken und all dem Mißverständnis, all dem Zufall, all der Roheit preiszugeben? Das ist eine Frage, von der kein Künstler jemals ganz loskommt. Denn die Welt bezahlt uns ja zwar für unsre Gespinste, manchmal sogar über Gebühr, aber sie bezahlt uns ja nicht mit Leben, mit Seele, mit Glück, mit Substanz, sondern eben mit dem, was sie zu geben hat, mit Geld, mit Ehren, mit Aufnahme in die Liste der Prominenten. (Hermann Hesse: Sämtliche Werke, Bd. 14: Betrachtungen und Berichte. 1927-1961, S. 228)

#1886

Mittwoch, Oktober 20th, 2010

Was den Dichter nach dem Lesen von Briefen seiner Leser oft beschäftigt, sind Fragen wie diese: Was habe ich beim Schreiben meiner Bücher, abgesehen vom bloßen Vergnügen am Schreiben selbst, eigentlich gedacht, gewollt, gemeint, erstrebt? Und dann Fragen wie diese: Wieviel von dem, was du mit deiner Arbeit gemeint und angestrebt hast, wird von den Lesern gebilligt oder abgelehnt, ja: wieviel davon wird vom Leser überhaupt bemerkt und zur Kenntnis genommen? Und die Frage: Hat das, was ein Dichter mit seinen Dichtungen meint und will, hat sein Wollen, seine Ethik, seine Selbstkritik, seine Moral überhaupt irgend etwas zu tun mit den Wirkungen, die seine Bücher verursachen? Nach meiner Erfahrung hat es damit sehr wenig zu tun. Auch nicht einmal jene Frage, die dem Dichter meistens die wichtigste ist, die Frage nach dem ästhetischen Wert seiner Arbeit, nach ihrem Gehalt an objektiver Schönheit, spielt in der Realität eine große Rolle. Es kann ein Buch ästhetisch und dichterisch wertlos ein und trotzdem gewaltige Wirkungen tun. Scheinbar sind viele dieser Wirkungen vernünftige und berechenbar, waren vorauszusehen und wahrscheinlich. In Wahrheit aber ist auch hier das Geschehen in der Welt vollkommen irrational und gesetzlos. (Hermann Hesse: Sämtliche Werke, Bd. 14: Betrachtungen und Berichte. 1927-1961, S. 226)

#1885

Mittwoch, Oktober 20th, 2010

Der Dichter als solcher steht dem Weltgeheimnis um nichts näher als jeder andre Mensch, er kann so wenig wie andre leben und arbeiten, ohne einen Boden unter sich und ein Dach über sich zu haben, und um sein Bett ein dichtes Mückennetz von Systemen, Konventionen, Abstraktionen, Vereinfachungen und Verflachungen zu spannen. Auch er, genau wie die Zeitung, schafft sich aus dem donnernden Dunkel der Welt eine Ordnung und Landkarte, lebt lieber im Flachen als im Vieldimensionalen, hört lieber Musik als Bombenexplosionen, und wendet sich mit dem, was er schreibt, an seine Leser meistens durchaus mit der wohlgepflegten Illusion, es bestehe eine Norm, eine Sprache, ein System, das es ihm ermögliche, seine Gedanken und Erlebnisse so mitzuteilen, daß der Leser sie gewissermaßen miterleben und sich tatsächlich aneignen könne. Für gewöhnlich tut er wie alle tun, er treibt sein Metier so gut er kann, und hütet sich, darüber nachzudenken, wieweit wohl der Boden trage, auf dem er steht, wieweit die Leser tatsächlich seine Gedanken und Erlebnisse aufnehmen, nachfühlen und teilen können, wieweit seinem Glauben, seinem Weltbild, seiner Moral, seiner Denkart die des Leser ähnlich sei. (Hermann Hesse: Sämtliche Werke, Bd. 14: Betrachtungen und Berichte. 1927-1961, S. 220)

#1881

Dienstag, Oktober 19th, 2010

An diesem etwas trostlosen Tage nun, ins Bett geflüchtet und leider nicht mit anderer Lektüre versehen, las ich zwei Zeitungen. (…) In diesen beiden Zeitungen las ich nun mit Neugierde und Spannung, das heißt ich las natürlich nur jene Teile, deren Sprache mir verständlich ist. Jene Gebiete, zu deren Darstellung eine besondere Geheimsprache erforderlich ist, mußte ich mir entgehen, also Sport, Politik und Börse. Es blieben also die kleinen Nachrichten und das Feuilleton übrig. Und wieder begriff ich mit allen Sinnen, warum die Menschen Zeitungen lesen. Ich begriff, bezaubert vom vielmaschigen Netz der Mitteilungen, den Zauber des verantwortungslosen Zuschauens und fühlte mich eine Stunde lang in der Seele eins mit jenen vielen alten Leuten, die jahrelang herumsitzen und nur deshalb nicht sterben können, weil sie Radio-Abonnenten sind und von Stunde zu Stunde Neues erwarten. (Hermann Hesse: Sämtliche Werke, Bd. 138)

#1878

Dienstag, Oktober 19th, 2010

Aber trotzdem verrosten die größten Modekanonen schnell, Emmy, und die Dichtung bleibt am Leben. Ich erinnere mich an Beispiele. Von den älteren Dichtern will ich gar nicht reden, die seit hundert und mehr Jahren dauernd mißverstanden werden und dennoch nicht untergehen und immer wieder in zehn oder hundert glühenden Herzen weiterleben und weiterbrennen. Ich erinnere mich zum Beispiel an einen gewissen Knut Hamsun, der heute ein alter Herr ist und einen Weltruf genießt, die Verleger und Redaktionen schätzen ihn sehr hoch, und seine Bücher haben Auflagen. Dieser selbe Hamsun war zur Zeit, als er seine schönsten und herzlichsten Bücher schrieb, ein heimatloser Desperado und hatte keine ganzen Schuhe und trug Fransen an den Hosen, und wenn wir jungen Burschen damals für ihn eintraten und laut für ihn schwärmten, dann wurden wir ausgelacht oder gar nicht angehört. Und doch ist jetzt seine “Zeit” gekommen, das heißt die faulen Geister haben durch die uns wohlbekannte lange Leitung im Lauf von dreißig Jahren eben doch noch seinen Strom empfangen und zucken und müssen zugeben. (Hermann Hesse: Sämtliche Werke, Bd. 128)

#1869

Montag, Oktober 18th, 2010

Als Frühlingsfutter für diese schönen Tage habe ich mir aus dem Bücherhaufen, den die Verleger bei mir abladen, einige Goldkörner gepickt, die liegen bereit, häufig nehme ich eins dieser lieben Bücher mit zu den Maiblumen, zur Orchis und zum Kuckuck. Dazu gehört “Im Schatten der jungen Mädchen” von Marcel Proust, deutsche Ausgabe im Verlag “Die Schmiede” in Berlin. Vor drei Jahren noch, als Proust endlich anfing, auch in Deutschland beachtet zu werden, sprachen unsere Kritiker von ihm flüsternd und geheimnisvoll wie von einem vergrabenen Schatz - heut’ sind sie schon wieder mit ihm fertig und finden, er sei doch eben nur ein schwächlicher, entnervter Mensch mit Gefühlen zweiten Ranges. Möge den Kerls Schimmel auf der Zunge wachsen! Ich kümmere mich den Teufel um sie, ich bin froh, daß es etwas so beseelet Schönes, etwas so Warmes, Blumiges und Liebenswertes gibt wie die Gespinste dieses zarten Dichters, der nun schon lange den Kuckuck nicht mehr rufen hört. (Hermann Hesse: Sämtliche Werke, Bd. 14: Betrachtungen und Berichte. 1927-1961, S. 28)