Archive for the ‘AllgFAB’ Category

#1709

Mittwoch, September 1st, 2010

“Sie sah brillant aus. Eigentlich ist sie nicht hübsch, Blondine mit großen Vergißmeinnichtaugen und etwas lymphatisch; auch wohl nicht ganz gesund. Aber sonderbar, solche Damen, wenn was in Sicht steht, sehen immer besser aus als in natürlicher Verfassung, ein Zustand, der allerdings bei der Katzler kaum vorkommt. Sie ist noch nicht volle sechs Jahre verheiratet und erwartet mit nächstem das siebente.” “Das ist aber doch unerhört. Ich glaube, so was ist Scheidungsgrund.” (Theodor Fontane: Der Stechlin, S. 68)

#1704

Mittwoch, September 1st, 2010

“Der Alte liebt ihn und sieht nicht, daß ihm sein geliebter Pastor den Ast absägt, auf dem er sitzt. Ja, diese von der neuesten Schule, das sind die allerschlimmsten. Immer Volk und wieder Volk, und mal auch etwas Christus dazwischen. Aber ich lasse mich so leicht nicht hinters Licht führen. Es läuft alles darauf hinaus, daß sie mit uns aufräumen wollen, und mit dem alten Christentum auch. Sie haben ein neues, und das überlieferte behandeln sie despektierlich.”

#1701

Mittwoch, September 1st, 2010

“Es ist das mit dem Telegraphieren solche Sache, manches wird besser, aber manches wird auch schlechter, und die feinere Sitte leidet nun schon ganz gewiß. Schon die Form, die Abfassung. Kürze soll eine Tugend sein, aber sich kurz fassen heißt meistens auch, sich grob fassen. Jede Spur von Verbindlichkeit fällt fort, und das Wort “Herr” ist beispielsweise gar nicht mehr anzutreffen. Ich hatte mal einen Freund, der ganz ernsthaft versicherte: ‘Der häßlichste Mops sei der schönste’; so läßt sich jetzt beinahe sagen, ‘das gröbste Telegramm ist das feinste’. Wenigstens das in seiner Art vollendeste. Jeder, der wieder eine neue Fünfpfennigersparnis herausdoktert, ist ein Genie.” (Theodor Fontane: Der Stechlin, S. 23)

#1698

Mittwoch, September 1st, 2010

Das Jahr darauf starb ihm die Frau. Sich eine neue zu nehmen widerstand ihm, halb aus Ordnungssinn und halb aus ästhetischer Rücksicht. (…) Dubslav von Stechlin blieb also Witwer. Das ging nun schon an die dreißig Jahre. Anfang war’s ihm schwer geworden, aber jetzt lag alles hinter ihm, und er lebte “comme philosophe” nach dem Wort und Vorbild des großen Königs, zu dem er jederzeit bewundernd aufblickte. Das war sein mann, mehr als irgendwer, der sich seitdem einen Namen gemacht hatte. Das zeigte sich jedesmal, wenn ihm gesagt wurde, daß er einen Bismarckkopf habe. “Nun ja, ja, den hab ich; ich soll ihm sogar ähnlich sehen. Aber die Leute sagen es immer so, als ob ich mich dafür bedanken müßte. Wenn ich nur wüßte, bei wem; vielleicht beim lieben Gott, oder am Ende gar bei Bismarck selbst. Die Stechline sind aber auch nicht von schlechten Eltern. Außderdem, ich für meine Person, ich habe bei den sechsten Kürassieren gestanden, und Bismarck bloß bei den siebenten, und die kleinere Zahl ist in Preußen bekanntlich immer die größere; - ich bin ihm also einen über. (Theodor Fontane: Der Stechlin, S. 9)

#1697

Mittwoch, September 1st, 2010

Dubslav von Stechlin, Major a.D. und schon ein gut Stück über Sechzig hinaus, war der Typus eines Märkischen von Adel, aber von der milderen Observanz, eines jender erquicklichen Originale, bei denen sich selbst die Schwächen in Vorzüge verwandeln. Er hatte noch ganz das eigentümlich sympathisch berührende Selbstgefühl all derer, die “schon vor den Hohenzollern da waren”, aber er hegte dieses Selbstgefühl nur ganz im stillen, und wenn es dennoch zum Ausdruck kam, so kleidete sich’s in Humor, auch wohl in Selbstironie, weil er seinem ganzen Wesen nach überhaupt hinter alles ein Fragezeichen machte. Sein schönster Zug war eine tiefe, so recht aus dem Herzen kommende Humanität, und Dünkel und Überheblichkeit (während er sonst eine Neigung hatte, fünf gerade sein zu lassen) waren so ziemlich die einzigen Dinge, die ihn empörten. Er hörte gern eine freie Meinung, je drastischer und extremer, desto besser. Daß sich diese Meinung mit der seinigen deckte, lag ihm fern zu wünschen. Beinahe das Gegenteil. (Theodor Fontane: Der Stechlin, S. 7)

#1689

Dienstag, August 31st, 2010

Der Notarsjunge auf der anderen Seite erklärte der dicken Dame, die ihn begleitete, mit der würdigen Selbstzufriedenheit der Starkdummen die Handlung von Vetter Basilio. Man erahnte in ihm den Richter am Obersten Gericht oder den Vorsitzenden der Mitgliederversammlung eines Sportvereins, der tiefernst aufgeblasenen Schwachsinn von sich gibt, und der Psychiater fühlte für den Kerl einen Strom jenes ehrlichen Mitleids, das er für diejenigen empfand, die, unheilbar in Dummheit eingemauert, die Existenz der anderen nicht bemerken. (Antonio Lobo Antunes: Elefantengedächtnis, S. 162)

#1679

Dienstag, August 31st, 2010

Die ewig graue, selbst in der Julisonne regnerisch traurige Avenida Almirante Reis, zu beiden Seiten entweder von Zeitungsjungen oder Invaliden gesäumt, trottete zwischen zwei kariösen Gebäudekiefern zum Tejo hinunter wie ein Herr in zu engen neuen Schuhen zur Straßenbahnhaltestelle. In den Straßencafes, denen auf Bretterpißpötten hockende Schuhputzer eine eigenartige Kinderkrippenatmosphäre verliehen, brachten Unternehmer mit wachsamen Augen geschmuggelte Uhren an den Mann. In den Cafes, die riesig waren wie leere Schwimmbäder, harrten einsame Kellner vor uralten Milchkaffees und gebutterten Toasts aus dem Tertiär, in wartender Haltung gefroren, des Jüngsten Gerichts. Von Küchenschaben bewohnte Friseursalons schlugen unerwartete Lösungen kapillarer Probleme für phantasielose Hausfrauen vor, denen staubige Kurzwarenläden mit Büstenhaltern, Moskitonetzen für den Brustkorb, die mit ihren fabelhaften Aufrichtungsfähigkeiten fünfundzwanzig Jahren ehelicher Resignation zu erneuter Jugend verhelfen konnten, den letzten Schliff verleihen würden. (Antonio Lobo Antunes: Elefantengedächtnis, S. 106)

#1678

Dienstag, August 31st, 2010

Diese Stadt, die seine war, bot ihm mit ihren Boulevards und Plätzen immer das unendlich wandelbare Gesicht einer kapriziösen Geliebten dar, das die Bäume mit ihrem Schattenkegel melancholischer Gewissensbisse verdunkelten, und es passierte ihm, daß er plötzlich vor den Neptunen der Teiche stand wie ein Betrunkener, der, wenn er sich von einer Laterne löst, unvermittelt auf das grimmige Kinn eines humorlosen Polizisten stößt, dessen kulturelle Nahrung aus den Grammatikfehlern des Gefreiten auf der Wache besteht. Alle Statuen wiesen mit dem Finger zum Meer, luden nach Indien oder zu einem diskreten Selbstmord ein, je nach Seelenzustand und dem Grad der Abenteuersehnsucht im Lager der Kindheit. (Antonio Lobo Antunes: Elefantengedächtnis, S. 101)

#1677

Dienstag, August 31st, 2010

Vor ihnen wisperte ein schielendes Mädchen, das einem balzenden Spatzen glich, einem Vierzigjährigen vertrauliches Gekicher zu, der sich wie eine Muschel vorgewölbt hatte, um ihr hüpfendes Gelächter zu empfangen. Der Psychiater hätte fast gewettet, daß er Mann wegen des Fehlens von Kanten in seinen Gesten und wegen des weiches Schwunges seiner Lippen, zwischen die er in metronomgenauem Rhythmus Brotstückchen steckte, die er dann ausgiebig, gemächlich und verächtlich wie ein Kamel kaute, einmal Priester gewesen war. Von seinen Augenlidern fielen trübe, langsame Seitenblicke, und das schielende Mädchen knabberte hingerissen mit schlechten Zähnen an einem seiner Ohren herum wie eine Giraffe, die die dicke Zunge über die Gitter hinweg zu den Eukalyptusbäumen ausstreckt. (Antonio Lobo Antunes: Elefantengedächtnis, S. 74)

#1675

Dienstag, August 31st, 2010

Der Krankenpfleger mit der Spritze, mit dem er, wenn sie beide diesselbe Schicht hatten, drittklassige Krabben zu Abend zu essen pflegte, die der Krankenpflegehelfer in einem Bierlokal am Martim Moniz kaufte, schlug die therapeutische Banderilla in den Trunkenbold, um seine zur Zeit in einer ruhigen Ebbe sich befindenden Launen, die bald schon wieder wie eine Sprungfeder losschnellen würden, zu besänftigen, und fuhr mit einer feierlich segnenden Bischofswatte über die Haut der Hinterbacken wie in guter Schüler, der an der Tafel das Ergebnis einer für seine akrobatischen Fähigkeiten zu leichten Übung löscht. Der Kranke zog den Güürtel, der aus einer dünnen Schnur bestand, so heftig hoch, daß dieser zerriß, und er schaute verblüfft auf das Stück, das ihm aus der Hand fiel, erschrocken wie ein Astronaut beim Anblick einer Mondalge. - Du hast die Makkaroni vom Mittagessen kaputtgemacht, applaudierte der Krankenpfleger, dessen Rest an Zärtlichkeit sich unter einem Sarkasmus verbarg, der zu offensichtlich war, als daß er echt sein konnte. Der Arzt hatte ihn zu schätzen gelernt, als er miterlebte, mit welchem Mut er den Kampf mit den Mitteln aufnahm, die ihm die unmenschliche Konzentrationsmaschine des Krankenhauses zur Verfügung stellte. (Antonio Lobo Antunes: Elefantengedächtnis, S. 51)