Archive for the ‘AllgFAB’ Category

#1925

Montag, Oktober 25th, 2010

Aus meiner tiefsten Seele zieht
Mit Nasenflügelbeben
Ein ungeheurer Appetit
Nach Frühstück und nach Leben.
(Theodor Fontane an Theodor Storm)

#1919

Sonntag, Oktober 24th, 2010

Wenn alle irdischen Güter, für die wir leben, wenn alle Freuden, die uns das Leben gewährt, Reichtum, Ruhm, Ehren, Macht, uns durch den Tod geraubt werden, haben diese Güter keinerlei Sinn. Wenn das Leben nicht unendlich ist, dann ist es ganz einfach absurd, ist es nicht wert, gelebt zu werden, und man muß sich seiner so schnell wie möglich durch Selbstmord entledigen. (Lew Tolstoj)

#1918

Sonntag, Oktober 24th, 2010

Dem Hang zum Jenseitigen stellte Holbach die Forderung entgegen, sich ausschließlich am Dieseits zu orientieren: “Das Übernatürliche ist nicht für Menschen geschaffen. Alles, was sie nicht erfassen können, darf sie nicht beschäftigen. Etwas verehren, das man nicht erkennen kann, heißt nichts verehren; etwas glauben, das man nicht verstehen kann, heißt überhaupt nichts glauben; etwas ohne Prüfung anerkennen, nur weil man es anerkennen soll, heißt feige und leichtgläubig sein.” (…) Nach Holbach entspringt die Idee göttlicher Wesen der Furcht angesichts kausal nicht begriffener Vorgänge, die auf fingierte Ursachen bezogen wurden. Diese angenommenen Ursachen stellte man sich nach Analogie vertrauter Zusammenhänge vor: “Man beurteilt, was man nicht kennt, stets nach dem, was man kennt.” Gott anbeten heißt daher, die Fiktionen seines eigenen Gehirns anbeten. (Wolfgang Röd: Religionskritik. Paul Henri Thiry d’Holbach)

#1917

Sonntag, Oktober 24th, 2010

Was auch immer die Gründe für seinen Tod gewesen sein mögen: der Tote befindet sich gegenüber der Gemeinschaft insgesamt in einem zum versöhnenden Opfer analogen Verhältnis. In der Trauer der Hinterbliebenen schwingt ein eigenartiges Gemisch von Schrecken und Erleichterung mit, das den Entschluß zu gutem Verhalten fördert. Der abgesonderte Tote scheint so etwas wie ein Tribut zu sein, der dafür bezahlt werden muß, daß das gemeinsame Leben weitergehen kann. Ein einziger Mensch stirbt, und schon ist die Solidarität aller Lebenden verstärkt. (Rene Girard: Die Rache der Toten)

#1916

Sonntag, Oktober 24th, 2010

Angestoßen, politisch zu werden, hat mich nicht Willy Brandt, sondern der allerchristlichste Kanzler. Er, der sich aus Nächstenliebe den Kommentator der Rassengesetze, Hans Globke, als Staatssekretär hielt, er, dem das christliche Abendland nur bis zur Elbe reichte, er verdächtigte den Emigranten Brandt “alias Frahm” unterschwellig des Landesverrats. Sein Christentum katholischer Machart gab ihm ein, uneheliche Herkunft als Makel anzuprangern. Konrad Adenauer war jedes Mittel recht, weshalb der noch immer als Staatsmann gilt. (Günter Grass: Grimms Wörter, S. 83)

#1912

Sonntag, Oktober 24th, 2010

Er wird undiszipliniert sein, vielgestaltig und polyglott, aber dies ist ja unser Schicksal und unser Leben, seit die göttliche Kraft uns ihre Macht bewies, als sie den einsprachigen Turm zu Babel einstürzen ließ. Gegen den Widerstand zahlloser regionaler Gottheiten und ihrer Priester haben Schriftsteller zu allen Zeiten viele schadhafte Türme zu errichten versucht - Lichtungen im Wald, Marktplätze in Athen, Katakomben in Rom, Graffiti an Gefängniszellen, Samiszat in sibirischen Straflagern -, und sie werden es in ungeahntem Ausmaß auch im World Wide Web tun. In diesem Punkt gibt es allen Grund zum Optimismus. Die kritische Fähigkeit, Bedeutung aus dem Chaos zu fischen, ist Teil des menschlichen Instinks, ebenso wie das Geschenk. Zivilisationen und ihre Regeln ohne äußere Anleitung zu erschaffen und umzuformen. Die Menschen besitzen die Gabe, einen Weg zu finden, Güter zu produzieren, geordnete Märkte zu schaffen, Qualität zu erkennen und dieser einen Wert beizumessen. Auf diese Fähigkeit ist Verlaß. Es gibt keinen Grund zu der Befürchtung, daß die atemberaubende Vielschichtigkeit des World Wide Web diese Fähigkeit überfordern wird. Tatsächlich wird diese Vielfalt solche Fähigkeit nur noch stärken, zumindest lassen einen die Erfahrungen der Menschheit dies hoffen. (Jason Epstein: Vom Geschäft mit Büchern, S. 166f.)

#1898

Donnerstag, Oktober 21st, 2010

Unter denjenigen Vorteilen, welche mir meine letzte Reise gebracht, stehet wohl die Duldsamkeit oben an, die ich, mehr als jemals, für den einzelnen Menschen empfinde. Wenn man mehrere Hunderte näher, Tausende ferne betrachtet, so muß man sich gestehen, daß am Ende jeder genug zu tun hat, sich einen Zustand einzuleiten, zu erhalten und zu fördern, man kann Niemand meistern, wie er dabei zu Werke gehen soll, denn am Ende bleibt es ihm doch allein überlassen, wie er sich im Unglück helfen und im Glück finden kann. In diesen Betrachtungen bin ich dieses Mal sehr glücklich durch die Welt gekommen, indem ich von Niemand etwas weiter verlangte, als was er geben konnte und wollte, ihm weiter nichts anbot, als was ihm gemäß war, und mit großer Heiterkeit nahm und gab, was Tag und Umstände brachten; und so hab ich Niemanden in seiner Lebensweise irre gemaxht. Überzeugung, Sitte, Gewohnheit, Liebhaberei, Religion, alles erschien mir durchaus den Personen gemäß, die sich gegen mich äußerten, und so habe ich es auch in Ansehung des Geschmackes gefunden. (Goethe, in: Ida Cermak: Ich klage nicht. Begegnungen mit der Krankheit in Selbstzeugnissen schöpferischer Menschen, S. 307)

#1897

Mittwoch, Oktober 20th, 2010

Ich bin nicht mehr sehr neugierig auf das, was mir das Leben noch bieten könnte. Ich habe das, was ich meinte, sagen zu müssen, mehr oder minder gut gesagt und fürchte mich zu wiederholen. Untätigkeit aber ist mir eine Last. Was mich immerhin davon abhielte, mich zu töten (obgleich ich Selbstmord nicht für tadelnswert halte), wäre der Umstand, daß gewisse Leute versuchen würden, in einer solchen Handlung eine Art Eingeständnis meines Bankrotts, das zwangsläufige Ende meines Irrens zu sehen. Andere würden denken, ich entzöge mich der “Gnade”. Es wäre schwierig, klarzumachen, daß ich einfach vom Leben gesättigt bin und nicht mehr recht weiß, wie ich die kurze Zeit, die mir noch zu leben bleibt, anwenden soll. Anorexie. Grauenhaft, ausdrucksloses Anlitz des Überdrusses. Meine Anorexie kommt auch und vor allem von einem Rückgang der Säfte… (Andre Gide, in: Ida Cermak: Ich klage nicht. Begegnungen mit der Krankheit in Selbstzeugnissen schöpferischer Menschen, S. 131)

#1896

Mittwoch, Oktober 20th, 2010

“Als Kind hatte ich Tagträume von 5 bis 10 Millionen” (tatsächlich war Thomas Wolfe in seiner Jugend als Zeitungsjunge zwar nicht in Not, aber doch in Armut), “die ich für Dampfjachten, Automobile, große Landgüter und dergleichen Großtuereien hinauswarf. Jetzt weiß ich, daß man auf diese Weise nicht glücklich wird; der einzige Weg, den ich kenne, ist, die Sache herauszufinden, die man mit ganzer Seele zu tun wünscht, und wie ein Verdammter an ihr arbeiten. Vielleicht werde ich auch so niemals glücklich, aber wenn ich nichts täte, würde ich in einem halben Jahr reif für das Irrenhaus sein. (Ida Cermak: Ich klage nicht. Begegnungen mit der Krankheit in Selbstzeugnissen schöpferischer Menschen, S. 128)

#1892

Mittwoch, Oktober 20th, 2010

Der Arzt ist stets der geheime Feind des Patienten, bei dem die Heilungsprozedur nicht in angemessener Zeit vor sich geht. Selbst “hohe Honorare” versöhnen ihn nicht mit den Heilungsprozessen, die die Natur aus irgendeinem mysteriösen Grunde verweigert. Er beschäftigt sich nie mit seinen eigenen, eventuellen Irrtümern, sondern pflegt und hegt seinen fast pathologischen “Größenwahn” auf Kosten seiner Patienten. Dieselben geben ihm in allem rcht, und der Patient ist eine Art von selbstmörderischem Verbrecher an sich selbst. Niemand glaubt ihm, das meiste seiner Zustände wird als Einbildung, Hysterie oder absichtliche Entstellung gedeutet. Niemand glaubt dem noch so aufrichtigen Kranken, und er befindet sich in einer qualvollen Situation dem vorgenannten Menschen gegenüber. Der Arzt hat immer recht, weil er seine, durch Prüfungen protokollierte Wissenschaft beherrscht, ohne den Einzelfall, das Einzelereignis auch nur zu ahnen! Der Patient ist das unglückliche Opfer der Kriterien, die gerade auf seinen speziellen Fall durchaus nicht passen! So muß er dem genialen Heilungsprozeß der Natur sich hilflos überlassen und wird von den Ärzten an seinem angeblichen eigenen Unglück schuld und dumm-renitent betrachtet. Wenige Ärzte verstehen es genial, sich ganz in einen ihnen völlig fremden Organismus gerecht, liebevoll - genial - hineinzuversetzen. Die meisten terrorisieren nur mit ihren Vorurteilen und haben nicht die Menschenfreundlichkeit, dem Fremden, Unbekannten, gerecht zu werden. Die meisten Patienten sind scheinbar bornierte Feinde derer, die sie nach den allgemein wissenschaftlichen Regeln erretten wollen. Sie haben alle Verwandten und sogenannten Freunde gegen sich und halten ihr unglückseliges Schicksal für ein nur leider wohl verdientes. (Peter Altenberg, in: Ida Cermak: Ich klage nicht. Begegnungen mit der Krankheit in Selbstzeugnissen schöpferischer Menschen, S. 209f.)