Archive for the ‘AllgFAB’ Category

#1575

Freitag, Juli 30th, 2010

Nun sind es ihre Erfinder, die dem Computer, dem perfekten Automaten, einen Menschen einverleiben wollen. Die Vollkommenheit des Automaten nämlich erregte - ganz abgesehen von den sozialen Problemen, die mit seinem massenweisen Erscheinen in der westlichen Welt auftauchten - bei vielen Menschen irrationale Ängste. Die Perfektion ist mehr als menschlich, übermenschlich, also auch unmenschlich und beunruhigend daher. Nicht völlig frei von einem stillen Grauen bedienen wir die Knöpfe, beneiden die folgenden Generationen um ihren unbefangenen Umgang mit diesen Geräten und entwickeln möglicherweise ein verspätetes Verständnis für unsere Urgroßeltern, die verängstigt und mit zitternden Fingern den Schalter ihrer elektrischen Glühlampe betätigten. (Christoph Hein: Öffentlich arbeiten. Essais und Gespräche, S. 166)

#1573

Freitag, Juli 30th, 2010

Zivilisation: Wir verstehen darunter die Gesamtheit der durch den Fortschritt von Wissenschaft und Technik geschaffenen und stetig verbesserten materiellen und sozialen Lebensbedingungen. Da diese Verbesserungen der Lebensbedingungen zumindest in zwei Erdteilen höchst fraglich ausfielen, können wir Zivilisation nur mit dem Stand der erreichten Technik gleichsetzen. Und da die technische Entwicklung in allen Staaten der Erde am großzügigsten, rücksichtslosesten und erfolgreichsten in der militärischen Forschung und Industrie betrieben wird und selbst die kleinsten Erfindungen für den zivilen Bereich, etwa den Haushalt, sich nur zu oft als Nebenprodukte der Kriegsforschung erweisen, können wir als genauere Definition formulieren: Zivilisation ist der jeweils erreichte Stand der Waffentechnik samt ihrer zivilen Abfallprodukte und den sich daraus ergebenden materiellen und sozialen Lebensbedigungen der staatsabhängigen Bürger. Soviel zum Zauberwort Zivilisation.) (Christoph Hein: Öffentlich arbeiten. Essais und Gespräche, S. 46)

#1567

Donnerstag, Juli 29th, 2010

Zum Selbsterhaltungstrieb des Menschen, einer bewußt- unbewußten natürlichen Regung, die ihm hilft, die tödliche Gefahr zu vermeiden, zu umgehen, sich gegen sie zu wehren, gehört auch die Fähigkeit, die unerträgliche Wahrheit nicht wahrzuhaben, die Augen vor ihr zu verschließen. Unsere Welt, unser Jahrhundert ist uns unerträglich geworden; wir nehmen sie nur in dem uns erträglichen Maße wahr, wissend, daß das volle Maß einen jeden von uns unfähig machen würde, in dieser Welt weiterzuleben, das heißt, weiter zu hoffen und zu arbeiten. Wir wissen von einem Kontinent hungernder Kinder, von politischem Mord und Terror, von einer Kriegsvorbereitung, die die Grenzen menschlicher Vernunft überschritt und sich seit Hiroshima scheinbar nach der von Menschen unbeeinflußbaren Logistik von Alpträumen potenziert. Wäre die Welt beständig vor unserem Auge, wir wären nicht fähig, ein Gedicht zu lesen oder auch nur gelassen einen Kaffee zu trinken. Der Selbsterhaltungstireb bewahrt uns davor, diese Welt wirklich aushalten zu müssen, indem er unsere Sinne mit einem dicken Fell versieht. Eine nützliche zweite Haut, die uns vor dem schützt, was uns zu diesem Leben unfähig machen würde, und ein gefährliches Fell, denn es erlaubt uns, Unerträglichkeiten zu ertragen und damit das Leben insgesamt zu gefährden. (Christoph Hein: Öffentlich arbeiten. Essais und Gespräche, S. 50)

#1553

Donnerstag, Juli 29th, 2010

‘Du hälst weit besser’, sprach er, ‘es im Haus
Mit einem Löwen oder Drachen aus
Als einem zänkischen und bösen Weibe.’
‘Im Winkel lieber unterm Dache bleibe
Als mit der Zänkerin’, sprach er, ‘im Zimmer;
Denn widerspentig ist ein Weibsbild immer
Und dem, was ihrem Mann gefällt, stets gram.’
(Geoffrey Chaucer: Canterbury-Erzählungen, S. 233)

#1552

Donnerstag, Juli 29th, 2010

Auch von Latumius hat er mir gesagt,
Der hätte Arrius, seinem Freund, geklagt,
In seinem Garten sei ein Baum zu schauen,
An welchem sich schon drei von seinen Frauen
Erhängt aus lauter Ärger und Verdruß.
‘Ach, lieber Bruder’, sprach darauf Arrius,
‘Gib mir ein Pfopfreis von dem Segensbaum,
In meinem Garten findet er gleich Raum.’
(Geoffrey Chaucer: Canterbury-Erzählungen, S. 232)

#1551

Mittwoch, Juli 28th, 2010

O Unheil, das sich plötzlich zugesellt
Der Erdenlust! Es mischt sich Bitterkeit
Am Ende stets in Freude dieser Welt!
Schmerz ist das Ende jeder Fröhlichkeit.
Drum rat ich dir zu deiner Sicherheit:
In froher Zeit bedenke, Schmerzen schleichen
Stets hinter dir, die sicher dich erreichen.
(Geoffrey Chaucer: Canterbury-Erzählungen, S. 188)

#1550

Mittwoch, Juli 28th, 2010

Verliert nicht Zeit und eilt euch, was ihr könnt,
Da Tag und Nacht die Zeit von dannen rennt,
Teils, wenn wir schlafen, heimlich sich entzieht,
Teils, wenn wir wach, uns ungenützt entflieht,
So wie der Strom talabwärts sich ergießt,
Doch nie zurück zu dem Gebirge fließt.
Auch Seneca und andre Weise sagen,
Daß schwerer Zeit- als Geldverlust zu tragen;
Verlorenes Geld sei wieder zu erringen,
Verlorene Zeit sei nicht mehr zu erbringen.
Ganz zweifellos wird nie zurückgeschafft
Die Zeit, sowenig wie die Jungfernschaft.
(Geoffrey Chaucer: Canterbury-Erzählungen, S. 175)

#1545

Mittwoch, Juli 28th, 2010

Als sich Arcit genug herumgetrieben
Und ausgesungen seine frohen Lieder,
Da fiel er in ein trübes Sinnen wieder,
Denn so ist es der Verliebten närrisch Brauch:
Bald obenauf, bald tief im Dornenstrauch,
Grad wie ein Brunneneimer ab und auf.
(Geoffrey Chaucer: Canterbury-Erzählungen, S. 87)

#1544

Mittwoch, Juli 28th, 2010

Bei Dr. Böhmer-Boudoir folgte der Schnee unmittelbar auf den Lenz: Mit seinen achtunddreißig Jahren war er bereits völlig grau. Unter einem Kammgarnanzug von der Farbe geronnenen Bluts, der aus der Zeit stammte, als er noch Karriere machen wollte, trug Böhmer-Boudoir ein kragenloses Sweatshirt aus zitronengelbem Frotteestoff. Die Kombination war sorgfältig zusammengestellt, um seine wissenschaftliche Zerstreutheit zum Ausdruck zu bringen (Zerstreuter Professor findet kein Hemd und greift in den Karton mit Strandkleidung.) (…)

#1542

Mittwoch, Juli 28th, 2010

Bei Dr. Böhmer-Boudoir folgte der Schnee unmittelbar auf den Lenz: Mit seinen achtunddreißig Jahren war er bereits völlig grau. Unter einem Kammgarnanzug von der Farbe geronnenen Bluts, der aus der Zeit stammte, als er noch Karriere machen wollte, trug Böhmer-Boudoir ein kragenloses Sweatshirt aus zitronengelbem Frottestoff. Die Kombination war sorgfältig zusammengestellt, um seine wissenschaftliche Zerstreutheit zum Ausdruck zu bringen (Zerstreuter Professor findet kein Hemd und greift in den Karton mit Strandkleidung.) (A.F.Th. van der Heijden: Das Gefahrendreieck, S. 389)