#163

Was, außer der Erinnerung ans Händchenhalten, verbindet uns Schwestern heute? Bücher. Während sich die Eltern einen Stock tiefer in ihr Elend verbohrten, schlüpften wir oben in unsere Betten und lasen. Wir lesen nach wie vor, lesen und lesen, um den allfälligen Zumutungen, die ja immerfort nachwachsen, zu entgehen. Mit dem Unterschied, daß meine Schwester dickleibige Bücher liebt, während ich eine flotte Zickzackleserin bin. Gutzkow! Seelenruhig hat sich meine Schwester durch den kompletten Gutzkow durchgewühlt; ich verstehe immer noch nicht, wie sie mit ihren zarten Handgelenken diese Gutzkow-Gewichte stundenlang in die Höhe gestemmt haben will. Ich hingegen liebe den Wechsel. Auf einen Ellroy, fies und fett und blutig, Schneewandern mit Stifter. Nach einem menschenleeren Buch, in dem die Feige in allen ihren Zuständen beleuchtet wird, ein Menschenwimmelbuch aus Indien. (Sibylle Lewitscharoff: Apostoloff, S. 43)

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