#161

Eine Bedienung in mittleren Jahren, die ausschaut, als würden ihre Kleider sie nicht ganz zuhalten, bringt unser Frühstück, eine Zigarette zwischen die Finger geklemmt, von der etwas Asche auf den Teller der Schwester fällt. Eisenhartes Kinn. Baumfällertyp. Das durch und durch abgebrühte Geschöpf hat sich vor uns aufgepflanzt und blickt auf uns herab, als hätte es den Befehl bekommen, uns niederzuhauen, sollten wir auf die Idee kommen, an irgend etwas herumzumäkeln. Meine Schwester ist morgens auf nachsichtige Weise lethargisch. Herausfordernde Personen können sie nicht aus dem Gleichgewicht bringen. Das preßspanartige Brot, der graue Kaffee, die Tomate, die in Menschenjahre umgerechnet schon über siebzig zählt, sie mustert die Bescherung geruhsam und bittet Rumen, um ein schärferes Messer zu fragen. (…) Sobald ein neues Messer gebracht worden ist, geht meine Schwester ans Werk. Sie ist die Meisterin des präzisen Kleinschnitts, eine chirurgische Begabung, die nicht Menschenfleisch zum Ziel hat, sondern Frühstückbrote. Die Tomate wird nach allen Regeln der Kunst zerlegt, und weil mir das nie gelingen würde, ohne daß dicke und dünne Scheiben in ein Mißverhältnis zueinander kämen und die Schnittstellen am Hautrand unschön ausgefranst wären, schiebt meine fürsorgliche Schwester mir eine tadellos geschnittene Tomatenscheine hin, bevor sie auf ihrem eigenen Teller weitermacht. (Sibylle Lewitscharoff: Apostoloff, S. 38f.)

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