#1583

Juli 30th, 2010

Nach Kopernikus, der uns gelehrt hat, daß wir uns nicht im Zentrum des Universums befinden, und Darwin, der uns darüber aufklärte, daß wir vom Affen abstammen, erzählt uns nun Freud, wir seien nicht einmal Herr unserer Sexualität. Das nennt er die ‘dritte Kränkung’, was ihn dazu veranlaßt, bei seiner Ankunft in New York zu behaupten: “Ich bringe Ihnen die Pest”. (Frederic Beigbeder: Letzte Inventur vor dem Ausverkauf)

#1582

Juli 30th, 2010

Viele Bücher des Jahrhunderts stellen unsere Geduld auf eine harte Probe: ‘Das Ufer der Syrten’ von Julien Gracq, das zehn Jahre später erschien, ebenso wie ‘Warten auf Godot’ von Beckett oder, in jüngerer Zeit und in einem ganz anderen Genre, ‘Die Liebe in den Zeiten der Cholera’ von Garcia Marquez. Im Grunde muß jedes gute Buch die Erwartung schüren, zumindest die des Lesers; damit er Lust hat weiterzublättern, bedarf es einer gewissen Anspannung, und was bewirkt eine stärkere Anspannung, als ihn warten zu lassen? Lesen heißt, auf die nächste Seite zu hoffen. Man mag das Buch am allerliebsten, das es geschafft hat, einem die Zeit zu vertreiben (das nennt man die “Spannung” oder den “Motor der Erzählung”, je nachdem, ob man Alfred Hitchcock oder Schüler einer Elite-Hochschule ist. (Frederic Beigbeder: Letzte Inventur vor dem Ausverkauf. Die fünfzig besten Bücher des 20. Jahrhunderts, S. 79)

#1581

Juli 30th, 2010

Was ist die Literatur anderes als eine elegante Art der Haarspalterei? (Frederic Beigbeder)

#1580

Juli 30th, 2010

Angelo Rinaldi übertreibt, wenn er meint, dieses Buch hätte “Hundert Jahre Seichtigkeit” heißen sollen, auch wenn es immer Spaß macht, die altehrwürdige Kritikergröße Jean Daniel zu ärgern. Sergeant Garcia Marquez lebt immer noch, er hat 1982 den Literaturnobelpreis bekommen, und viele barocke Schriftsteller haben ihm alles zu verdanken: Jose Saramago; Günter Grass oder Salman Rushdie, die beiden Erstgenannten bereits nobelpreisgeschmückt. Letzterer nobelpreiswürdig. Und die Moral: Schreiben Sie ausufernde und unübersichtliche Romane und Sie haben größere Chancen auf den Nobelpreis, als wenn Sie Marguerite Duras paraphrasieren. (Frederic Beigbeder: Letzte Inventur vor dem Ausverkauf. Die fünfzig besten Bücher des 20. Jahrhunderts, S. 69)

#1579

Juli 30th, 2010

Alles, was schön ist, ist unvollkommen. (Frederic Beigbeder)

#1578

Juli 30th, 2010

‘Cien anos de soledad’ ist 1976 wie ein Erdbeben von Kolumbien her über uns hereingebrochen. Man kann sagen, daß es in der Literaturgeschichte dieses Jahrhunderts ein Vor und ein Nach diesem Buch gibt. Seit seinem Erscheinen hat man nämlich Geschmack gefunden an diesen epischen Latino-(Dino-Maus-und-du-bist-aus-)Romanen mit ihrem Bilderreichtum, ihren völlig verrückten Figuren, ihren überraschenden, tropischen Wendungen. Übrigens ist es interessant festzustellen, daß die großen Romane des 20. Jahrhunderts oft auf dem Wunsch beruhen, das Universum zu komprimieren: ein Tag mit einem Alkoholiker in Dublin, das Leben in einem Pariser Mietshaus oder, wie hier, hundert Jahre in der Geschichte eines imaginären, vom Rest der Welt abgeschnittenen kolumbianischen Dorfes namens Macondo. (Frederic Beigbeder: Letzte Inventur vor dem Ausverkauf. Die fünfzig besten Bücher des 20. Jahrhunderts, S. 67)

#1577

Juli 30th, 2010

Wenn Kunstwerke schwer zugänglich sind, wird man in der Regel für seine Mühe belohnt; das Gehirn vergißt die Schwierigkeit, nicht aber die Bilder. Was natürlich nicht immer der Fall ist, ein Buch kann nämlich durchaus kompliziert und inhaltsleer zugleich sein. (Frederic Beigbeder: Letzte Inventur vor dem Ausverkauf. Die fünfzig besten Bücher des 20. Jahrhunderts, S. 65)

#1576

Juli 30th, 2010

Wo Literatur genügend Ecken und Kanten hat, da schärft sie die Wahrnehmung des Lesers jenseits solcher Aufrufe. Wer mit einem Stift in der Hand liest, hinterläßt Spuren im Text, die genau das markieren: die Schärfung der eigenen Wahrnehmung. Man kann Anstreichungen generell als Spuren der Erregung betrachten, als Spuren einer plötzlichen erhöhten Aufmerksamkeit, mit der man für oder gegen etwas eintritt, als Spuren einer intelligiblen Schärfe. Und wo solche am Einzeltext gewonnene Schärfe über diesen einzelnen Text hinausgeht und sich auch anderen Verhältnissen zuwendet, da wird sie gesellschaftlich. (Corina Caduff: Land in Aufruhr. Die Künste und ihre Schauplätze, S. 142)

#1575

Juli 30th, 2010

Nun sind es ihre Erfinder, die dem Computer, dem perfekten Automaten, einen Menschen einverleiben wollen. Die Vollkommenheit des Automaten nämlich erregte - ganz abgesehen von den sozialen Problemen, die mit seinem massenweisen Erscheinen in der westlichen Welt auftauchten - bei vielen Menschen irrationale Ängste. Die Perfektion ist mehr als menschlich, übermenschlich, also auch unmenschlich und beunruhigend daher. Nicht völlig frei von einem stillen Grauen bedienen wir die Knöpfe, beneiden die folgenden Generationen um ihren unbefangenen Umgang mit diesen Geräten und entwickeln möglicherweise ein verspätetes Verständnis für unsere Urgroßeltern, die verängstigt und mit zitternden Fingern den Schalter ihrer elektrischen Glühlampe betätigten. (Christoph Hein: Öffentlich arbeiten. Essais und Gespräche, S. 166)

#1574

Juli 30th, 2010

Was ich schreibe, hat Gültigkeit eigentlich allein für mich. Ich glaube, daß alle Literatur im Grunde für einen selbst geschrieben wird: Ein Autor verständigt sich mit sich selbst und nur da, wo das einigermaßen gelingt, vermögen die entstandenen Texte für andere von Interesse zu sein. Schließlich ist alle Literatur, wie Goethe sagt, Autobiographie oder Makulatur. (Christoph Hein: Öffentlich arbeiten. Essais und Gespräche, S. 123)