#513

August 10th, 2011

Bei den Czupeks wurde iq options alles gesammelt und aufgehoben, und mit der Zeit verstand ich, daß es mit dem Verhungern und Erfrieren zu tun hatte, von denen Adams Mutter in ihren sinnlosen schönen Sätzen sprach. Pommerland ist abgebrannt, sang sie manchmal, wenn sie in der Küche Kartoffeln für sieben Personen schälte; irgendwann begriffen wir, daß ihre eigene Mutter auf der Flucht aus dem abgebrannten Pommerland verhungert oder erfroren war oder beides, jedenfalls wurden bei den Czupeks Stoffe und Wolle und Knöpfe und Garn gesammelt und aufgehoben, Zucker und Mehl, Reis und Konserven, Adams Mutter hat gehortet, was ihr nur in die Finger kam. Als sie starb, war das kleine überheizte Haus vollgestopft mit Wollknäueln, Stoffbahnen, Vliesen und Bergen mit Schnittmustern. (…) Mich macht das jedenfalls heute nervös, wenn du hier jeden Schrott anschleppst, der auf der Straße liegt. (…) Ist doch in top Zustand, sagte er, wenn er an einem Sessel vorbeikam, der alles andere als gepolstert war und aus dem die blanken Sprungfedern herausragten, und er wußte ganz gewiß nicht, was er mit der Klabund-Ausgabe anfangen sollte, die schon etwas zerfleddert und unvollständig in Einzelbänden bei einem Umzug in unserer Nachbarschaft entsorgt worden war, aber er wußte, daß ich viele Bücher besaß, und daraus zog er den Schluß, daß ich offenbar Bücher sammelte und aufhob wie seine Mutter ihre Stoffe, die Wolle und die Konservendosen aus dem Angebot; ich bekam ein paar Bände Klabund zu meinen Büchern hinzu - wer weiß, ob es solche Bücher in zwanzig Jahren noch gibt, dachte ich amüsiert. (Birgit Vanderbeke: Das läßt sich ändern, S. 27f.)

#512

August 10th, 2011

Als wir Kinder waren, bekam er gelegentlich einen väterlichen Anfall, weil meine Mutter beim Arzt im Wartezimmer Zeitschriften las, in denen stand, daß Väter gelegentlich etwas mit ihren Kindern unternehmen sollten. (Birgit Vanderbeke: Das läßt sich ändern, S. 8 )

#511

August 10th, 2011

Adam hat einen IQ um die 140, je nach Tagesverfassung, kann auch schon mal auf 138 sacken. (Birgit Vanderbeke: Das läßt sich ändern, S. 8 )

#510

August 10th, 2011

Da das Produktionsprogramm, das Produktionstempo und die Umschlaggeschwindigkeit der Produktion von der technischen Kapazität und vom Rentabilitätsgesichtspunkt festgelegt sind, müssen Leute zum Schreiben gebracht werden, die weder einen natürlichen Drang dazu haben noch eine natürliche Begabung. Das bedeutet aber, daß die Literatur sich nicht so vermehrt, wie Leben sich vermehrt, in der Weise einer natürlichen Fruchtbarkeit, sondern das Bücher sich vermehren wie Sturzwellen, indem aus dem immer gleichen Schoß die immer gleich flüchtigen Schöpfungen emporgeschleudert werden. (Bernhard Hanssler: Literarische Kultur und Unkultur)

#509

August 10th, 2011

Die Überproduktion hängt, wenn wir das Buchwesen im ganzen bedenken, mehr mit der Schreibseligkeit als mit der Leseseligkeit unserer Zeitalters zusammen. (Bernhard Hanssler: Literarische Kultur und Unkultur)

#508

August 10th, 2011

Lesen ist Augenöffnung durch Schließen der Augen; es ist ein mystisches Erlebnis. Bei der Wahl der Bücher, die man zu lesen gedenkt, sollte man aber nie außer acht lassen, daß deren Lektüre wertvoller sein muß, als die Lektüre aller übrigen Bücher wäre, die man jetzt nach getroffener Entscheidung ja nicht mehr lesen kann, weil der Entschluß für die einen den Verzicht auf die anderen nach sich zieht. (Dominik Jost: Leküre - das andere Leben)

#507

August 10th, 2011

Wer über längere Zeit hin nur denselben einen Autor liest, nimmt mit dessen Weise des Sprechens auch dessen Welt auf. Sprache ist nicht das nachträglich hergestellte Gefäß der Wirklichkeit, sie ist mit ihr identisch, Sprache ist Welt, Spracherwerb ist Welterwerb. Wenn nun aber Lesen als eine zentrale Methode des Spracherwerbs gelten muß, dürfte es eigentlich nicht bloß eine Randtätigkeit, eine Feierabendbeschäftigung bleiben. Wer gar im Lesen das Sedativ, die Baldriantinktur gegen die vom Tagesstreß erzeugten Aufgeregtheiten seines Inneren aufzuspüren gewohnt wäre, stände noch im Vorhof der niedern Mysterien und Weihen des Lesens. Richtiges Lesen setzt Entspannung, Ruhe und die Fähigkeit zur Konzentration schon voraus. Wer die Schrift ein Medium nennt, drückt mit dieser Vokabel aus, daß mittels der Schrift Wirkungen erzeugt und erzielt werden. Die Botschaften, die das Medium Schrift speichert und befördert, vermögen sowohl in die Realität als auch in die Wirklichkeit einzugreifen. (Dominik Jost: Leküre - das andere Leben)

#506

August 10th, 2011

Ein Buch vertieft durch die Möglichkeit des Austauschs von Gedanken und Urteilen die Beziehung unter seinen Lesern. Indem es Gefühle freisetzt, erweitert und vertieft es das Selbsterlebnis und den Selbstgenuß. Daß Leseerlebnisse sich zu den stärksten Lebenserlebnissen zu verdichten vermögen, erhellt daraus, daß die Kerne der eigenen Biographie manchmal sichtbar werden an der Abfolge der gelesenen Bücher, daß einem also gelesene Bücher als feste Stationen der Lebensgeschichte vorkommen, als Zentren, um die sich dann die Realität gruppiert. (Dominik Jost: Leküre - das andere Leben)

#505

August 10th, 2011

Lesen hebt Verlassenheit auf und kehrt sie positiv in Alleinsein. Nach dem substanziellen Gespräch ist das Lesen das fruchtbarste Medium des Gedankenaustausches. (Dominik Jost: Leküre - das andere Leben)

#504

August 10th, 2011

Das Lesen ist die freieste Art der Kommunikation. Der Leser greift weit aus, noch in Räume und Zeiten, in die er anders auf keine Weise einzutreten imstande wäre. (Dominik Jost: Leküre - das andere Leben)